Todesfahrer auf der Autobahn

Beruflich musste ich dieser Tage in den Osten Österreichs nahe Wien. Ich machte mir bereits im Vorfeld so meine Gedanken, da ich des nächtens zumeist die ARD-Hitnacht höre, bei der nahezu alle zwei Stunden eine Geisterfahrer-Meldung durchgegeben wird und ich sieben der acht-stündigen Rückfahrt bei Dämmerung bzw. Dunkelheit zurücklegen musste. Dabei führte mich mein Weg auch über das deutsche Eck! Auf der Hinfahrt über das kleine. Allerdings war ich bis München unschlüssig, ob ich nicht doch über Passau (also über das grosse) fahren sollte. Ich entschied mich jedoch für Salzburg – im Nachhinein betrachtet mein Glück! Rund eine Viertel Stunde, nachdem ich München-Süd passiert hatte, kam eine Unfallmeldung für München-Süd! Grossen Dank an die schützende Hand des über mich wachenden Kumpels mit den grossen Flügeln. Dann wurde es so richtig interessant: Wenige Minuten später erneut eine Verkehrsmeldung: „… Autobahn A 94 Passau-München kommt Ihnen zwischen … ein Geisterfahrer entgegen…!“ Soll ich dies nun Glück oder Vorsehung nennen? Auf der Rückfahrt hörte ich von einem Unfall beim kleinen deutschen Eck mit einem Zeitverlust von einer drei-viertel Stunde. Offenbar hatte es mein Schutzengel auch dieses Mal gut mit mir gemeint, schliesslich wäre dies meine Strecke gewesen – 1,5 h später hätte es möglicherweise mich erwischt! Ich entschied mich spontan für das grosse deutsche Eck und quälte mich in Dunkelheit und Schneegestöber über die Autobahn-Kilometer. Nachdem ich Deggendorf passiert hatte, fesselte mich erneut eine Verkehrsmeldung an die Lautsprecher: „…A 94 München-Passau kommt Ihnen auf Höhe Deggendorf ein Geisterfahrer entgegen!…“ Scherzhalber dachte ich noch für mich: „Ich war’s nicht!“ Doch – wie soll ich diesen meinen Betriebs-ausflug benennen? „Schwein gehabt!“ vielleicht? Ist eine Autobahnfahrt inzwischen der Fingerzeig dafür, wie kurz das Leben doch ist und wie schnell es vorbei sein kann?

Tatsächlich – ich kann es nicht leugnen: Als ich nun für diesen Blog recherchierte, lief es mir eiskalt den Rücken runter! Vor Jahren kam ich selbst auf der Brenner-Autobahn/Tirol in einen Unfall. Es handelte sich allerdings nicht um einen Geisterfahrer-Crash. Ein PKW-Lenker wollte die Spur wechseln, übersah jedoch dabei ein überholendes Fahrzeug. Der Lenker dessen krachte gegen die Leitschiene. Während er und die beiden Kinder zwar verletzt aber vergleichbar glimpflich davon kamen, durch-bohrte die Mittelleitschiene ein Bein der Mutter am Beifahrersitz – es musste amputiert werden. Ausserdem verlor sie ihr ungeborenes Kind. Ein solches Bild vergisst man nicht so schnell. Zudem war ich damals an drei Tagen der Woche auf der Autobahn unterwegs. Beim Anschauen der Videos kamen all die Erinnerungen wieder hoch.

Neben dem in grossen Teilen Deutschlands durchgeschaltetem Radio-programm der ARD (gut als Hintergrundbeschallung bei der Arbeit) wechsle ich des nächtens auch gerne mal auf SWR 1 (Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Bremen, Hessen und Teile Nordrhein-Westfalens). In beiden Programmen ist mir die dramatische Zunahme solcher Falsch- oder Geisterfahrermeldungen aufgefallen. Nicht nur während der Nachtstunden, sondern vor allem tagsüber! Inzwischen muss wohl jederzeit mit einem solchen entgegenkommenden „lebensgefähr-lichen Vollpfosten“ (verzeihen Sie mir bitte diesen Ausdruck – er kommt allerdings von Herzen!) gerechnet werden. Obgleich derartige Meldungen oberste und rascheste Priorität bei den Radiostationen haben, können sie nicht immer frühzeitig warnen. Zudem gibt es auch Autofahrer, die die ARI-Kennung ausgeschaltet und bei Wagners „Ring der Niebelungen“ oder Strauss’ „Also sprach Zarathustra“ mit 200 Sachen ihrem Ziel entgegenrasen! Für alle, die es nicht kennen sollten: Durch dieses ARI mit dem sog. „Hinz-Triller“ wird das laufende Programm (egal ob Stream, MP3, CD oder auch ein anderes Radioprogramm) durch eine möglicher-weise lebensrettenden Verkehrsmeldung unterbrochen. Eine mehr als wichtige technische Einrichtung, die stets eingeschaltet sein sollte!!!

Die Unfallbilanz mit Geisterfahrern ist nämlich sehr blutig!!!

Am 23. März dieses Jahres gerät ein vollbesetzter PKW bei Emstek/Niedersachsen auf der B72 auf die andere Fahrspur und prallt gegen ein entgegenkommendes Fahrzeug aus den Niederlanden. Neben dem Geisterfahrer selbst sterben auch dessen Beifahrer und der Lenker des entgegenkommenden Fahrzeuges. Acht weitere Personen werden teils lebensgefährlich verletzt. Unfallzeit: 18:30 Uhr!

Am 29. Oktober 2023 kollidierte ein 77-jähriger Mann aus dem Raum Deggendorf auf der A92 auf Höhe von Dingolfing mit einem richtig fahrenden Auto. Der Senior hatte sich nicht angeschnallt – er verstarb noch an der Unfallstelle. Die beiden Insassen des anderen Fahrzeuges wurden nur leicht verletzt.

In Deutschland kommt es nach einer Studie des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV – veröffentlicht im August 2023) zu durchschnittlich 2.000 Geisterfahrermeldungen pro Jahr – rund sechs pro Tag. Etwa 80 Unfälle mit Geisterfahrerbeteiligung gibt es per anno. Knapp die Hälfte der Falschfahrer waren 60+, 41 % 75+ Jahre alt. Erschreckende 45,9 % der Falschfahrten erfolgten bewusst. Die Studie untersuchte 288 Unfälle aus dem Jahr 2015! Leider konnte ich trotz intensiver Suche keine exakten bundesweiten Zahlen für das Jahr 2023 finden. Deshalb konzentriere ich mich auf das Datenmaterial des Bayerischen Landesamtes für Statistik – 2023 kam es in Bayern zu 45 Geisterfahrerunfällen mit vier Todesopfern – und auf das Datenmaterial, welches das Bayerische Innenministerium auf Anfrage des Bayerischen Rundfunks 2020 für den Freistaat veröffentlichte. Insgesamt kam es im Jahr 2019 im Freistaat zu 335 Falschfahrermeldungen (2018 waren es noch 285). Die meisten davon entfallen mit jeweils 44 Meldungen auf die A3 und die A73. Knapp 20 % der Geisterfahrer konnten gestellt werden. Dabei stellte sich heraus, dass der überwiegende Teil davon männlich war und die Senioren ab 70 Jahren eine erhöhte Risikogruppe darstellen. Bei 14 Unfällen mit Falschfahrern gab es 19 Verletzte und 4 Todesopfer. Soweit zum Jahr 2019!

In der Nacht auf den 07. September 2024 knallt ein 47-jähriger kurz vor der Ausfahrt Vorchdorf auf der Westautobahn auf das Fahrzeug eines 19-jährigen, der in richtiger Fahrtrichtung unterwegs war. Dabei wurde das Auto des jungen Oberösterreichers †auf die Fahrerseite geworfen und komplett demoliert. Der Mann erlag etwas später im Krankenhaus seinen Verletzungen.

Am 19.10.2023 fährt ein Lenker in Niederösterreich in verkehrter Richtung zwischen Stockerau und Krems auf die S5 auf. Bald wird bekannt, dass es sich bei dem Falschfahrer um den betrunkenen früheren Justiz-Sektionschef Christian Pilnacek gehandelt haben soll, dessen späterer Tod nach wie vor noch nicht aufgeklärt ist.

Am 13. Februar 2023 gibt es zwei Schwerverletzte bei einem Geister-fahrerunfall auf der A9 bei Rottenmann/Stmk. Ein 81-jähriger war zuvor bei der Mautstelle Ardning falsch aufgefahren und krachte nach acht Kilometern gegen einen anderen PKW. Die Pyhrnautobahn musste für zwei Stunden gesperrt werden.

Besonders spektakulär verlief die Geisterfahrt eines 19-jährigen Kroaten mit Begleiterin am 04. Februar 2023 auf der Welser Westspange der A8. Der Mann kehrte bei einer Vignettenkontrolle um und flüchtete gegen die Fahrtrichtung. Bei Sattledt verunfallte der Wagen. Die beiden Insassen flüchteten zu Fuss, wurden durch einen Hubschrauber entdeckt und später festgenommen. Das Auto war bei der slowenischen Polizei als gestohlen gemeldet. Personen kamen gottlob keine zu Schaden.

Insgesamt 444 Geisterfahrermeldungen wurden im Jahr 2023 auf dem österreichweiten Radiosender Ö3 durchgesagt. Die höchste Zahl seit Jahren – 54 Meldungen mehr als noch im Jahr zuvor. Bei vierzehn Unfällen mit Geisterfahrerbeteiligung gab es acht Schwer-, fünfzehn Leicht-verletzte und zwei Todesopfer. Auf der A2 bei Krumpendorf in Kärnten kracht am 26. Januar eine 48-jährige, alkoholisierte Lenkerin frontal gegen einen LKW. Am 04. November prallen auf der Westautobahn auf Höhe Pucking/OÖ zwei PKW aufeinander – der 26-jährige Geisterfahrer aus Ungarn erliegt noch an Ort und Stelle seinen Verletzungen.

Im Bundesländer-Ranking führt Niederösterreich (93 Meldungen), bei den Strecken die Südautobahn A2 mit 73. Übrigens ist die A22 Donauufer-autobahn mit einer Geisterfahrerdichte (Falschfahrer im Verhältnis zum Jahr und Kilometer) von 0,37 die gefährlichste Strecke. Der geisterfahrer-trächtigste Tag ist der Samstag (86 Meldungen an diesem Wochentag), die meisten Meldungen an einem Tag gab es am 23. Dezember mit nicht weniger als acht!

In den frühen Morgenstunden des 17. März 2024 fuhr ein 25-jähriger aus dem Bezirk Jura-Nord auf der A1 zwischen Estavayer-le-Lac und Yverdon mit seinem Fiesta in falscher Richtung. Im Tunnel des Bruyères krachte er auf den PKW eines 24-jährigen. Der Geisterfahrer erlag noch an der Unfallstelle seiner Verletzungen, der andere Mann wurde mit Ver-letzungen unbestimmten Grades ins Krankenhaus geflogen.

Kurz nach 17.30 Uhr kollidierten am 25. Juli 2023 zwei Fahrzeuge auf der A2 beim Plattitunnel auf Höhe Silenen/UR seitlich miteinander. In Folge verwickelten sich weitere zwei PKW in den Unfall. Dabei wurde ein Lenker schwer, ein weiterer leicht verletzt. Der Geisterfahrer flüchtete zu Fuss, wurde jedoch kurz danach durch die Kantonspolizei Uri dingfest gemacht. Es stellte sich heraus, dass das Fahrzeug mit Luzerner Kontroll-schildern zuvor entwendet worden ist.

In vielen Fällen kommen der Polizei beim Stoppen von Falschfahrern Trucker zur Hilfe. Sie fahren mit ihren LKW entweder nebeneinander oder stellen den Sattelzug zur Gänze quer.

Untersuchungen haben ergeben, dass rund 50 % der Falschfahrer unter Alkohol- oder Drogeneinfluss stehen. Danach folgen mit Fahranfängern, älteren Menschen oder auch Ortsunkundigen die überforderten Lenker. Dies geschieht vor allem in den Nachtstunden, wenn andere Orientierungshilfen aufgrund der Dunkelheit nicht oder zu spät wahr-genommen werden. Schliesslich folgen jene Fahrzeughalter, die das Risiko bewusst in Kauf nehmen und wenden, weil sie etwas vergessen haben oder sie sich mit einem grossen Crash aus dem Leben verabschieden wollen.

Eine Wahnsinnstat, die mir partout nicht in den Kopf will: Weshalb soll ich bei meinem Selbstmord unschuldige Menschen mit in den Tod reissen?! Diese können ja schliesslich am wenigsten dafür, dass ich mein Leben nicht in den Griff bekommen habe und deshalb feige aus diesem scheide (schwere, unheilbare Krankheiten ausgeschlossen – jedoch nicht auf diese Art!). Psychiater, die sich mit dem Thema intensiver befassen, nennen vornehmlich zwei Gründe: Verschleierung der wahren Suizid-Hinter-gründe oder Inszenierung des eigenen Abganges. Zweiteres ist immer wieder auch bei Amokläufern zu erkennen. Dadurch soll darauf hingewiesen werden, dass das Umfeld dem Betroffenen ein grosses Unrecht zugefügt hat. Experten sprechen vom F60.8 im ICD 10 oder einer Cluster-B-Störung nach DSM-IV – einer narzißtischen Persönlichkeits-störung. Perfekt übrigens durch Michael Douglas auf die Leinwand gebracht („Falling down“). Auslösender Reiz in diesem Fall war dessen Kündigung. Durch einen aufwendigen oder aussergewöhnlichen Selbst-mord versucht der Betroffene ein letztes Mal Aufmerksamkeit zu erhaschen. Das gekränkte Ego soll mit einem lauten Knall besänftigt werden. Die Anderen – Pech: Zur falschen Zeit am falschen Ort! Eine Studie der Universität Würzburg zeigt beispielsweise auf, dass sehr viele, die schon einen Suizid-Versuch unternommen, diesen jedoch überlebt haben, tatsächlich bei Verkehrsunfällen um’s Leben kommen. Gibt es etwa einen kausalen Zusammenhang? Verkehrsexperten sind sich einig: Gegen Amokfahrer helfen keine Hinweisschilder, keine Fangnetze und keine hochfahrende Barrieren. Sie finden immer eine Möglichkeit.

Falschfahrer durchbrechen den Vertrauensgrundsatz. Deshalb sind solche Unfälle zumeist die schlimmsten. Doch nicht immer steckt ein Selbst-mordversuch dahinter. Im Folgenden wollen wir dies etwas genauer beleuchten.

Bei einem Unfall auf der A 1 in Rheinland-Pfalz (ein Vater und zwei Kinder starben), behauptet die Unfalllenkerin, eine damals 60-jährige Frau, felsenfest, dass ein Monster sie verfolgte. Unfassbar ist auch der Anruf einer Lenkerin von der A8 (Salzburg-München). Sie meldet am 17. März 2006, dass ihr „jede Menge Geisterfahrer“ entgegen kämen. Die Polizei konnte die Frau stoppen – offenbar hatte die psychisch Verwirrte ihre Medikamente nicht genommen.

Riesige Autobahnkreuze machen es so manchem Autofahrer nicht unbedingt einfach. Einmal falsch abgebogen befindet sich die nächste Abfahrt mit viel Glück schon nach nur 10 Kilometern, sehr häufig jedoch sind es mehr. Panik greift um sich. Dabei geht es weniger um die verlorene Zeit und das Mehr auf dem Kilometerstand. Vielfach setzt das logische Denken des Einzelnen aus – es wird schlicht und einfach auf offener Strecke gewendet.

Auch Baustellen können dies verursachen. Als auf der A3 bei Würzburg gebaut wurde, bog ich falsch ab und befand mich plötzlich auf der Route Nürnberg-München (A 9), obwohl ich in Richtung Ulm-Lindau (A 7) musste. Sh… happens!, dachte ich mir und wartete auf die nächste Abfahrt. Fazit: 25 km mehr! Doch wäre mir niemals ein Umkehren oder Rückwärtsfahren auf dem Pannenstreifen in den Sinn gekommen.

Für solche orientierungslose Autofahrer haben die Verkehrsplaner eigens grosse Hinweisschilder an besonders schwierigen Stellen angebracht. Doch helfen diese bei Nebel oder schlechter Sicht durch starken Regen bzw. in der Nacht vergleichbar wenig. Hier können Navigationsgeräte recht sinnvoll sein. Allerdings sollte man auch diesen nicht unbedingt blind vertrauen: so wurde beispielsweise eine Lenkerin zum Umdrehen aufgefordert – mitten im Tunnel (und sie tat es auch noch!!!).

Ein weiterer Grund ist Alkoholeinfluss bzw. Drogenkonsum. Oder auch eine Mutprobe/Stammtischwette. Hintergründe, die an einer grundsätz-lichen Fahrtauglichkeit eines Autofahrers zweifeln lassen. Denn: Gemäss § 315 c StGB ist das Falschfahren in Deutschland eine Gefährdung im Strassenverkehr und stellt einen Angriff auf das Leben anderer dar. Das Urteil lautet auf Freiheitsentzug bis zu fünf Jahre bzw. eine Geldstrafe und der Entzug der Fahrerlaubnis (Führerschein). In Österreich ist dies nach § 177 StGB fahrlässige Gemeingefährdung (1 Jahr Freiheitsentzug, hohe Verwaltungsstrafen und Entzug der Lenkerberechtigung), in der Schweiz nach Art. 90 Satz 2 Strassenverkehrsgesetz ein abstraktes Gefährdungsdelikt und bringt bis zu drei Jahre Haft oder eine Geldstrafe. Kommt es zu einem Unfall, so greift noch jeweils eine Vielzahl an anderen Gesetzen.

Wie aber kann nun der Strassenerhalter bei solchen Lenkern reagieren, die nicht nur schwerwiegend gegen geltende Gesetze verstossen, sondern auch die Hoffnung auf einen gesunden Menschenverstand verpuffen lassen. 2009 und 2010 wurden Versuche mit Fangnetzen absolviert. Hier dachten zunächst die Verantwortlichen, auf das Ei des Columbus gestossen zu sein. Stellte sich dann doch nicht als die Lösung par excellance dar. In Österreich wurden sog. „Krallen“ an exponierten Stellen angebracht. Diese werden bei Druckkontakt durch falsches Auffahren ausgefahren und zerstörten die Reifen. Solche Metallzacken kommen auch in den USA und der Türkei zum Einsatz. In dieser Hinsicht sehr effektiv. Was jedoch, wenn Feuerwehr- oder Rettungsdienste auf einem gesperrten Teilstück entgegengesetzt auffahren müssen? Daneben kam es durch Eis oder Schnee zu Funktionsausfällen. Und schliesslich ist diese Massnahme aus Kostengründen nicht realisierbar: Rund 2.000 Auffahrten gibt es in Deutschland, hinzu kommen Parkplätze und Raststationen – ein unmögliches Unterfangen! Im Alpenstaat sowie auch in Bayern setzt man deshalb seit 1997 auf übergrosse Warntafeln. Sie sollen zumindest die unachtsamen oder orientierungslosen Kraftfahrer am Weiterfahren hindern. Auf der Rückseite ist Werbung angebracht, die normalerweise im Autobahn-Bereich verboten ist, jedoch die Hinweis-tafeln finanziert. Der normale Autolenker sieht also die Werbung, der Falschfahrer hingegen die grosse Hand mit dem Fahrverbotsschild. Immer mehr gelangt auch das „Ghost Rider Information System“ (GRIS) zur Diskussion. Durch elektronische Sensoren sollen Geisterfahrer bereits an den Auffahrten ertappt und direkt an die Exekutive bzw. den Verkehrs-funk gemeldet werden.

Wie reagiere ich – als normaler Autobahn-Benutzer?! Wichtig ist zu allererst, dass der Verkehrsfunk aktiviert ist. Wird nun tatsächlich eine Geisterfahrermeldung durchgegeben, sollte so rasch als möglich die äusserst rechte Fahrspur aufgesucht und das Tempo gedrosselt werden. Der Abstand zum Vordermann sollte erhöht und im besten Falle ein Parkplatz bis zur Entwarnung angefahren werden.

Passiert dann tatsächlich ein Fahrzeug in verkehrter Richtung, bleibt das Herz des Fahrers erstmal kurz stehen: „Was wäre geschehen, wenn ich nun überholt hätte?!“ Sehen Sie zwei Lichter auf sich zukommen, so können Sie die Lichthupe betätigen – doch auf gar keinen Fall aufblenden. Dadurch könnte der Falschfahrer die Sicht verlieren. Sollte es ihnen selbst nun geschehen sein (durch einen Verkehrsunfall etwa), dass sich das Auto gedreht hat, muss die Warnblinkanlage eingeschaltet und der nächste Fahrbahnrand aufgesucht werden. Niemals die Fahrbahn kreuzen oder rückwärts fahren bzw. wenden. Ansonsten empfiehlt die Polizei, das Fahrzeug an der Mittelleitplanke stehen zu lassen. Die Insassen sollten sich auf den Grünstreifen retten und sofort die Polizei alarmieren.

In Österreich wurde mit dem Gefahrenzeichen „Achtung Falschfahrer!“ (StVO § 50 Abs. 14a) unter dem damaligen Infrastrukturminister Hubert Gorbach (FPÖ) auch eine Hinweistafel aufgenommen, die etwa durch das Overhead-Autobahn-Informationssystem oder Wechselverkehrszeichen-anlagen direkt an den Lenker weitergegeben werden kann.

Weniger Probleme mit Falschfahrern haben mautpflichtige Autobahnen wie jene in der Schweiz, Italien oder auch Frankreich. Und übrigens: Die meisten der Geisterfahrermeldungen sind Scherze. Die Polizei in Deutschland geht davon aus, dass nur rund 300 pro Jahr ernstzu-nehmende Meldungen sind. Herzlichen Dank an all die Scherzbolde, die eine Notfall-Einrichtung, die Leben retten kann, derart missbrauchen.

Links:

– www.stmi.bayern.de

– oe3.orf.at/verkehr/

– www.adac.de

– www.oeamtc.at

– www.tcs.ch

– www.asfinag.at

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Sport steigert die Hirnleistung

Als ich noch jeden Tag meine 12 Kilometer runterspulte, dachte ich während des Laufens zumeist an gar nichts, fühlte mich jedoch danach auch geistig fit wie ein Turnschuh. Zurecht, gilt es inzwischen als erwiesen, daß sich Sport sehr positiv auf die Leistungen unseres Gehirns auswirkt. Vielleicht mit Ausnahme des Boxens oder zu vieler Kopfbällen! Neueste Studien haben gar ergeben, daß die körperliche Betätigung (insbesondere das Ausdauer- oder Cardiotraining) gegen Demenz schützen kann indem das sehr komplexe Zusammenspiel hämodyna-mischer, neurohumoraler und neurometabolischer Veränderungen positiv beeinflusst wird, wodurch das Gehirn plastischer, adaptiver und effi-zienter wird (siehe hierzu die SMART-Studie der Goethe- Universität Frankfurt zur Cholinkonzentration im Gehirn). Sehr schlechte Nachrichten also für Couch-Potatoes – doch die haben das soeben gelesene ohnedies bereits schon wieder vergessen.
Die beiden Mediziner Hans-Jürgen Grabe und Katharina Mittfeld von der Universität Greifswald entdeckten bei Ihren Versuchen, je besser die körperliche Fitness ist, desto grösser war das Hirnvolumen der von Ihnen untersuchten Studienteilnehmer. Alsdann kann daraus geschlossen werden, daß in einem sportlich durchtrainierten Körper der altersbedingte Abbau der Hirnmasse verlangsamt wird. Das Gehirn ist also gesünder! Insgesamt untersuchten sie nicht weniger als 2.103 Personen zwischen 21 und 84 Jahren. Bei diesen wurde zuerst die maximale Sauerstoff-aufnahme pro Minute unter Höchstbelastung gemessen (Fahrradergo-meter). Dies gab Auskunft über die Fitness der Probanden. Daneben wurde mit Hilfe der Magnetresonanztomographie die Grösse des Gehirns sowie der grauen und weißen Hirnsubstanz im Speziellen gemessen. Die graue Substanz enthält die Axone der Nervenzellen, also ihre Zellkörper, während die Neuriten und Dendriten, also die Zellfortsätze, in der weißen Substanz zu finden sind. Experten nun schließen daraus, daß in einem sportlichen Körper mit häufiger körperlicher Höchstbelastung nicht nur der Körper von der vermehrten Sauerstoffaufnahme profitiert, sondern auch das Gehirn. Zudem erhält es bei besserer Durchblutung mehr Energiestoffe mitgeliefert. Allerdings ist diese These noch nicht wissen-schaftlich untermauert. Interessant jedoch scheint in diesem Zusammen-hang das Wandeln der Philosophen im Altertum. Egal ob Sokrates oder Aristoteles bei den Griechen, Seneca bzw. Cicero bei den Römern: Sie philosophierten zumeist im Gehen, da sie der Überzeugung waren, die Bewegung halte die Gedanken im Fluss! Diese Meinung vertritt alsdann Jennifer Raymond von der kalifornischen Stanford University: Menschen, die ein Problem zu lösen haben oder angestrengt nachdenken müssen, erledigen dies zumeist im Gehen.
Etwas genauer wird der Zusammenhang an der Sporthochschule in Köln erforscht. Stefan Schneider vom Institut für Bewegungs- und Neuro-wissenschaft erklärt dieses Phänomen wie folgt: Bei körperlicher Bewegung wird im Gehirn der motorische Kortex aktiviert, während gleichzeitig der präfrontale Kortex (ein Teil des Frontallappens der Grosshirnrinde) heruntergefahren wird. Ersterer steuert und koordiniert die Bewegungsabläufe im Körper, während zweiterer für das logische Denken und Planen zuständig ist.

„Man kann sich das wie bei einem Reset eines Computers vorstellen, dessen Arbeitsspeicher überlastet ist!“
(Apl-Prof. Dr. Dr. Stefan Schneider , DSHS Köln)

Danach läuft nicht nur der PC wieder besser, sondern auch das menschliche Gehirn. Für seine Untersuchungen verwendete Schneider EEG-Messgeräte und Infrarot-Sensoren, um durch diese Gehirnströme und die Durchblutung des Gehirns festzustellen. Diese These wird alsdann von Arne Dietrich von der American University of Beirut bestätigt.
Depressionsforscher (etwa der Jacobs University Bremen) gehen gar noch einen Schritt weiter, indem sie dem Sport eine ähnliche Wirkung zuschreiben wie den Antidepressiva. Sie entdeckten bei Patienten mit einer rezidivierenden Depression (F33), also wiederholten depressiven Schüben, einen starken Gewebeschwund (Atrophie) spezieller Hirn-strukturen im Hippocampus und dem präfrontalen dorsolateralen Kortex. Zurückgeführt wird dies auf die Abnahme von Nervenwachstumsfaktoren (Neurotrophine wie das Eiweiß BDNF) und damit auch der neuronalen Konnektivität („Neurotrophin-Hypothese“). Derartige Neurotrophine sorgen für neue Verbindungen zwischen bestehenden Nervenzellen. Auslöser für einen Rückgang ist zumeist negativer Stress. Sport bzw. Bewegung ganz allgemein bauen ein erhöhtes Stressniveau ab und führen zu einer Zunahme von Neurotrophinen. Bei Probanden mit einem hohen BDNF-Gehalt im Blut ist der Hippocampus wesentlich grösser. Diese Neurotrophin-Hypothese bestätigte etwa der Psychologe Kirk Erickson von der University of Pittsburgh im Jahre 2010, der ebenfalls die Grösse des Hippocampus mit Hilfe eines Kernspintomographen gemessen hatte. Aus diesem Grunde wird immer mehr die Bewegung in die Depressions-therapie eingebaut.
Allerdings – und damit wieder zurück zum Sport-Neurologen Schneider aus Köln – muss die Sportart Spass machen und die Belastungsintensität direkt auf die jeweilige Person abgestimmt sein. Dauert beispielsweise eine starke Ausdauerbelastung über mehr als ein bis zwei Stunden an, können sich durch das Anschwellen der Vorhöfe und der rechten Herz-kammer im Herzmuskel feine Risse bilden. Schliesslich pumpt das Herz bei starker Belastung bis zu siebenmal mehr Blut durch den Körper als im Ruhezustand. Wird dem Körper nun keine Ruhephase gegönnt, damit diese Risse selbst ausheilen können, so kommt es durch Gewebeschäden und Verhärtungen zu einem chronischen Herzleiden, das mit Herz-rhythmusstörungen bzw. dem plötzlichen Herztod enden kann. Deshalb sind zumeist 30-40 Minuten Ausdauersport vollends ausreichend. Die Studienteilnehmer Schneiders konnten sich bis zu 30 Minuten nach dem Sport wesentlich besser konzentrieren. Schneider selbst meint gar, bei ihm wirke dies noch mehrere Stunden nach.
Zu ähnlichen Ergebnissen gelangten die Experten der Universität Ulm rund um die Neurowissenschaftlerin Sanna Stroth. Sie testeten 80 Personen im Alter von 17 bis 47 auf deren Konzentrationsfähigkeit, das Gedächtnis sowie das räumliche Vorstellungsvermögen. Die Test-Gruppe musste über vier Monate hinweg jeweils dreimal die Woche Ausdauersport, die Kontroll-Gruppe keinen Sport betreiben. Während sich der Sport nicht auf das Gedächtnis auswirkte, zeigte die Sportgruppe jedoch deutliche Verbesserungen in den beiden anderen Untersuchungs-bereichen. Die Studienleiter erklären sich dies einerseits mit der Reset-Theorie Schneiders, andererseits jedoch mit dem menschlichen Hormon-haushalt. Ständige Bewegung verlangsame den Abbau des Botenstoffes Dopamin, der für entscheidende Prozesse im präfrontalen Kortex benötigt wird. Zudem gilt Dopamin als Stimmungsaufheller („Glücks-hormon“). Sinkt der Dopamin-Spiegel, so lassen viele geistige Fähigkeiten nach – etwa die Konzentration oder die Aufmerksamkeit. Allerdings ist diese Dopamin-These ebenso noch nicht wissenschaftlich bestätigt worden. Eine Studie der Colombia University New York gelangte hingegen zum selben Ergebnis.
Sport ist somit nicht nur für den Körper, sondern auch für den Geist durchaus gesund. Allerdings neigt der Mensch zum „Delay discounting“, also dem Abwerten zeitlich verzögerter Belohnungen. Soll heissen, wir ziehen kurzzeitige Genüsse den längerfristigen vor – der innere Schweinehund gehört dazu! Für das Planen und abstrakte Denken ist der präfrontale Kortex zuständig, für die kurzzeitigen Genüsse hingegen das limbische System. Gewinnt stets das limbische System, so werden diese Denkmuster zur Gewohnheit. Hier herauszukommen kostet weitaus mehr Energie und Überwindung. Wer also regelmässig Sport betreibt, wird nicht nach den unterschiedlichsten Ausreden suchen, die nächste Laufrunde auszulassen. Deshalb ist es auch dermaßen wichtig, dass die gewählte Sportart Freude bereitet. Denn: Spass macht, was unsere Bedürfnisse befriedigt! Ein immens wichtiger Teil der Sportpsychologie – das erspart Ihnen den Kauf vieler teurer Ratgeber!

„Oft reicht es schon, sich selbst eine Backpfeife zu verpassen oder ‚Los jetzt!‘ zu rufen, um sich zu aktivieren.“
(Jens Kleinert, Sportpsychologe an der DSHS)

Lesetipps:

.) Die Veränderung psychischer Zustände, Stimmungen und Dispositionen durch sportliche Aktivität; M. Gomer; Verlag Harri Deutsch 1995
.) Effects of aerobic exercise on brain metabolism and grey matter volume in older adults: results of the randomised controlled SMART trial; Matura S/ Fleckenstein J/Deichmann R/Engeroff T/Fuzeki E/Hattingen E et al; Transl Psychiatry 2017
.) Cardiovascular fitness, cortical-plasticity, and aging; Colcombe SJ/Kramer AF/Erickson KI/Scalf P/McAuley E/Cohen NJ et al; Proc Natl Acad Sci USA 2004
.) Exercise training increases size of hippocampus and improves memory; Erickson KI/Voss MW/Prakash RS/Basak C/Szabo A/Chaddock L et al; Proc Natl Acad Sci USA 2011
.) SMART: physical activity and cerebral metabolism in older people: study protocol for a randomised controlled trial; Fleckenstein J/Matura S/Engeroff T/Fuzeki E/Tesky VA/Pilatus U et al; Trials 2015
.) Comparison of the peak exercise response measured by the ramp and 1-min step cycle exercise protocols in patients with exertional dyspnea; Revill SM/Beck KE/Morgan MD; Chest 2002
.) Auswirkungen des Sporttreibens auf Selbstkonzept und psychisches Wohlbefinden; Metzenthin, S./Tischhauser, K.; Gesellschaft zur Förderung der Sportwissenschaften an der ETH Zürich 1996
.) Einführung in die Sportpsychologie; Hrsg.: H. Gabler/J.R. Nitsch/R. Singer; Hofmann 2004
.) Handbuch Gesundheitssport (2. vollst. neu bearb. Aufl.); Jtsg.: K. Bös & W. Brehm; Hof mann 2007
.) Physical activity and psychological well-being; Hrsg.: Boutcher; Routledge. Thelwell, R.C., Lane, A.M., & Weston 2007
.) Training in der Therapie. Grundlagen und Praxis (3. Aufl.); I. Froböse/G. Nellessen-Martens/C. Wilke; Urban & Fischer 2005
.) Zum Stellenwert von Sport in der Behandlung psychischer Erkrankungen; Broocks, A./Meyer, T./George, A./Pekrun, G./Hillmer-Vogel, U./Hajak, G./Bandelow, B./Rüther, E.; Psychotherapie, Psychosomatik, Medizinische Psychologie 1997

Links:

– www.uni-frankfurt.de
– www.uni-greifswald.de
– www.stanford.edu
– www.dshs-koeln.de
– www.aub.edu.lb
– www.uni-ulm.de
– www.columbia.edu

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Mauerfall – gut oder schlecht?

Als in den frühen Morgenstunden des 13. August 1961 die Baumaschinen auffuhren und hunderte Menschen mit dem Bau einer Mauer rund um die drei Westsektoren Berlins begannen, konnte wohl noch niemand die weitreichenden Folgen des Ganzen absehen. Die Berliner Mauer wurde zum Symbol für die Abgrenzung des Ostens zum Westen!

Der Bau des „Faschistischen Schutzwalls“ wurde nur wenige Tage zuvor zwischen dem Generalsekretär der KPdSU, Nikita Chrustschow und dem Vorsitzenden des Staatsrats der DDR, Walter Ulbricht, bei einem Treffen der Staaten des Warschauer Paktes in Moskau beschlossen. Sie war der Abschluss der Teilung Deutschlands, da in den Jahren zuvor bereits die 1.378 Kilometer lange Grenze zwischen Ost- und Westdeutschland regel-recht „befestigt“ wurde. Offiziell sollte dieses nahezu unüberwindbare 3,60 Meter hohe und 400 Millionen Ostmark teure Bauwerk die Einwohner der DDR vor dem Kapitalismus des Westens schützen. Inoffiziell jedoch mussten dadurch jene DDR-Bürger zurückgehalten werden, die ihre Zukunft lieber im Westen als im Osten sahen. Alleine im Juni 1961 sind über 30.000 Menschen in den Westteil der Stadt geflüchtet, danach über 3.000 – täglich! Der neugegründete Staat drohte auszudünnen. An der restlichen Grenze galt schon seit 1960 der Schiessbefehl für die Grenz-soldaten, er sollte schliesslich auch auf Berlin ausgedehnt werden. Bis zu 245 Menschen wurden beim Versuch, die Berliner Mauer zu überwinden, getötet – offizielle Zahlen gibt es allerdings nicht.

Als Michail Gorbatschow Staats- und Parteichef in der Sowjetunion wurde, musste er grossflächig reformieren, da die UdSSR wirtschaftlich am Boden lag. Dies aber konnte er nur mit der Bevölkerung, nicht gegen sie umsetzen. Also gewährte er Meinungs- und Pressefreiheit, öffnete das Land für Investoren und versprach Reisefreiheit. Es begann eine Zeit der Entspannung zwischen den Blocks aus West und Ost. Im August 1989 nutzten tausende DDR-Bürger ihren Urlaub in der Tschechoslowakei für eine Flucht in die bundesdeutsche Botschaft in Prag. Auch über die ungarisch-österreichische Grenze flüchteten tausende Menschen. Das Regime in Ost-Berlin musste reagieren, da diese Menschen dem sozia-listischen Arbeitsmarkt und seinem Fünf-Jahres-Plan fehlten – betroffen davon waren alle Schichten: Vom Kraftfahrer, über die Krankenschwester bis hin zum Hochschulprofessor. Nach dem offiziellen Teil einer Presse-konferenz meinte Günter Schabowski vor 35 Jahren am 09. November 1989, dass für alle Bürger der DDR künftig die Reisefreiheit gelte. Damit wollte die SED die Massenflucht in der Annahme verhindern, dass zwar viele in den Westen rüber wollen, danach aber wieder zurückkommen würden. Als ein Reporter den treuen Kader-Soldaten Schabowski fragte, ab wann diese Reisefreiheit gelte, kramte dieser in seinen Unterlagen, da er bei der Abstimmung des Zentralkomitees nicht selbst dabei war und den Entwurf dieses Gesetzes erst kurz vor der Pressekonferenz durch Egon Krenz in die Hand gedrückt bekam, und meinte:

„Das tritt nach meiner Kenntnis… Ist das sofort, unverzüglich.“

So hatten sich dies die Genossen im ZK jedoch nicht vorgestellt!!! Der Satz wurde um 19.04 Uhr durch die DDR-Nachrichtenagentur ADN verbreitet und um 19.30 Uhr in der Sendung „Aktuelle Kamera“ verlesen – eine halbe Stunde später titelte damit auch die Tagesschau in der ARD. Danach machten sich zigtausende Menschen auf den Weg um sich das direkt an der Grenze anzuschauen. Um 21.30 Uhr erhielt der Chef der Passkontrolleure an der Bornholmer Strasse, Oberstleutnant Harald Jäger, den Befehl, den Schlagbaum „ein bisschen zu öffnen“, da sich dort bereits 20.000 Menschen angesammelt hatten, die die Öffnung der Grenze forderten. Den lautesten unter ihnen sollte die Ausreise ermöglicht werden, um sodurch die Lage zu entspannen. Sie erhielten einen Stempel in den Pass, damit sie nicht mehr einreisen konnten. Doch kamen immer mehr Menschen an den Grenzposten. Um 23.29 Uhr schließlich gab Jäger den Befehl, den Schlagbaum zu öffnen. Der Fall der Mauer hat begonnen!

Der deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl weilte an diesem Tag in Warschau. Um 19.30 Uhr wurde die deutsch-polnische Sitzung unter-brochen, da sich offenbar etwas in Berlin ereignete. Auch der regierende Oberbürgermeister von Berlin, Walter Momper, durch die Meldung überrascht, eilte sofort zur Grenze und wurde dort förmlich überrannt. Ein Museum fragte bei ihm an, ob er seinen roten Schal, den er in dieser Nacht trug, als ein Zeichen für den Mauerfall abgebe, was Momper jedoch bisher standhaft verweigerte. In den Regierungsgebäuden der DDR herrschte Panik. Es war also ein Versprecher, der den Mauerfall einleitete!

Doch was hat sich „drüben“ seither getan? Ehrlich? Nicht wirklich viel! Ein Aufbauprogramm nach dem anderen verpuffte – die Wirtschaft in den „neuen“ Bundesländern kam nicht in’s Laufen! Ausgerechnet der US-Konzern Tesla und dessen Chef Elon Musk ging schliesslich fahnen-schwingend voraus und zeigte den deutschen Wirtschaftsbossen, wie es wirklich geht! In Grünheide südöstlich von Berlin (Bundesland Branden-burg) entstand die neue Giga-Factory – Nobel-E-Cars und Batterien! Milliarden wurden investiert – tausende neue Arbeitsplätze im struktur-schwachen Ostdeutschland dadurch geschaffen. Bei der Eröffnung 2022 meinte Bundeskanzler Olaf Scholz: „Der Osten ist industriell vorne mit dabei!“

Tatsächlich haben sich seit dem Mauerfall nur wenige in Richtung Osten erweitert. 1990 belief sich die Wirtschaftskraft in den ostdeutschen Bundesländern nur auf etwa 43 % der westdeutschen. Erst 2018 konnte sie auf 75 % gesteigert werden, die Löhne erreichten im selben Jahr rund 85 % des Westniveaus – 29 Jahre nach dem Mauerfall! Handelsriesen wie Amazon sind nicht dafür verantwortlich, da sie ihren Mitarbeitern tariffremde Gehälter anbieten und somit nur das niedrige Lohnniveau nutzen. Das Bruttoinlandsprodukt Ostdeutschlands lag 2023 bei 467, in Westdeutschland (mit Berlin) bei ca. 3.654 Milliarden Euro. Das sind 11,3 Prozent! Sachsen findet sich als bestes Ost-Bundesland auf Platz 8 im Vergleich.

1990 – kurz nach dem Mauerfall wanderten rund 400.000 Ostdeutsche in Richtung Westen ab. Verantwortlich zeichneten damals oft die Schliessungen jener Betriebe bzw. Staatsbetriebe, die vom Mauerfall überrascht wurden. Die Arbeitslosigkeit stieg in besorgniserregende Höhen – die Angst vor der Zukunft zog ihre Kreise. Rund um den Jahr-tausendwechsel anno 2000 wanderten weitere nahezu 200.000 Menschen ab – junge, Frauen und gut ausgebildete Bürger, die sich in den west-lichen Bundesländern ein wesentlich besseres Leben erwarteten – vornehmliches Ziel: Baden Württemberg und Bayern. Dies hatte weit-reichende Folgen, an welchen auch heute noch einige Regionen schwer zu beissen haben: Steuerentgang, Niedergang der sozialen Infrastruktur, wie etwa im Bildungsbereich, der medizinischen Versorgung, Freizeit, … Erst 2017 kippte die Abwanderung – es zogen mehr Menschen in den Osten als in den Westen! Auch jene, die geblieben sind, haben die Zukunftsplanung genauer angegangen: Die Angst vor dem Verlust der Arbeit liess zeitweise die Geburtenrate auf nahezu 50 % sinken. Ergo: Familienplanung auf Eis gelegt! Das wiederum lässt das Durchschnitts-alter ansteigen – schlechter Boden für die Wirtschaft. Derartige Regionen sind nach Aussage vieler Politikwissenschafter ein perfekter Nährboden für die AfD.

2021 wurde für 90 % der Bürger der Soli-Beitrag abgeschafft – nach 30 Jahren! Nurmehr Besserverdiener, GmbHs und andere Kapitalanleger sowie Körperschaften müssen ihn bezahlen. Der Solidaritätszuschlag sollte den Aufbau Ostdeutschlands unterstützen. Der Soli belief sich davor auf 5,5 % der Körperschafts- bzw. Einkommenssteuer. Dies brachte der Staatskasse satte rund 19 Milliarden Euro pro Jahr. Eine wahrhaft politische Entscheidung, schliesslich wäre dieser Solidarpakt eigentlich ohnedies Ende 2019 ausgelaufen. Böse Zungen behaupten, dass damit nur Wählerstimmen eingefangen werden sollten. So hiess es aus Kreisen der CDU, dass diese Entscheidung die wohl grösste Steuerentlastung seit vielen Jahren bedeuten sollte. Die Gegenfinanzierung übrigens steht auch heute noch nicht.

Erlauben Sie mir zum Schluss einen eigenen Gedanken – vornehmlich zum Soli: Wäre in den vergangenen 30 Jahren das Geld zweckgebunden eingesetzt worden, bestünde heute kein Bedarf mehr dafür. Da dies jedoch ganz offensichtlich nicht der Fall zu sein scheint, muss ich mich wirklich fragen: Was wurde aus der deutschen Wiedervereinigung? Auch der Bund selbst wagte sich nur sehr zögerlich in die neuen Bundesländer. Ist es somit das Aschenputtel, das die BRD übernommen hat? Wäre es vielleicht gar besser gewesen, die DDR hätte noch über zehn weitere Jahre bestanden und mit Hilfe der BRD eine Grundbasis für die Wiedervereinigung schaffen können?

Sei’s drum – einem Mann ist dies vornehmlich zu verdanken, dass 1989 kein Blut geflossen ist – wie Jahre zuvor in Ungarn oder der Tschechos-lowakei: Dem verstorbenen Friedensnobelpreisträger Michail Gorbat-schow! Er musste aus wirtschaftlichen Gründen so handeln – er handelte jedoch auf eine Art und Weise, wie es viele vor und nach ihm nicht taten oder tun werden: Als Mensch!

Filmtipps:

.) Geheimsache Mauer; Fernsehfilm; Deutschland 2010

.) Geheimakte Mauerbau; Fernsehfilm; Deutschland 2011

.) Es geschah im August. Der Bau der Berliner Mauer; Fernsehfilm, Deutschland 2001

.) Die Mauer – Berlin ’61; Fernsehfilm; Deutschland 2006

Lesetipps:

.) Die Berliner Mauer. Geschichte eines politischen Bauwerks; Thomas Flemming/Hagen Koch; be.bra 2001

.) Die Mauer. 13. August 1961 bis 9. November 1989; Frederick Taylor; Siedler 2009

.) Die Berliner Mauer 1984 von Westen aus gesehen; Philipp J. Bösel/Burkhard Maus; Berlag Kettler / White-Press 2014

.) Halt! Grenzgebiet! Leben im Schatten der Mauer; Thomas Scholze/Falk Blask; Basis-Druck 1997

.) Kennedy, Chruschtschow und der gefährlichste Ort der Welt; Frederick Kempe; Siedler 2011

.) Die Nacht, in der die Mauer fiel – Schriftsteller erzählen vom 9. November 1989; Hrsg.: Renatus Deckert; Suhrkamp 2009;

.) Die längste Nacht, der größte Tag – Deutschland am 9. November 1989; Jrsg.: Kai Diekmann/Ralf Georg Reuth; Piper 2009

.) Der Mann, der die Mauer öffnete. Warum Oberstleutnant Harald Jäger den Befehl verweigerte und damit Weltgeschichte schrieb; Gerhard Haase-Hindenberg; Heyne 2007

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Neu oder alt – das ist hier die Frage!

†Wenn die Vereinigten Staaten am 05. November des Jahres ihren 47. Präsidenten (60. Präsidentenwahlen) wählen, ist das Land wohl gespalten wie nie zuvor. Zwischen den republikanischen Anhängern Donald Trumps und jenen der demokratischen Gegnerin Kamala Harris sind die Gräben dermassen tief, sodass ein Zuschütten wohl über Jahre, wenn nicht sogar Jahrzehnte dauern wird. Viele schliessen gar auch einen Bürgerkrieg inzwischen nicht mehr aus.

Der 05. November ist für die Vereinigten Staaten demokratisch gesehen der wohl wichtigste Tag seit Jahren, wenn nicht gar Jahrzehnten. Neben den Präsidentschaftswahlen finden auch die Wahlen zum US-Senat und in 11 Bundesstaaten und zwei Territorien die Gouverneurswahlen statt. Ein Super-Wahltag also sozusagen. Auch hier kann es durchaus zu ent-scheidenden Veränderungen kommen. Bislang verfügten die Republikaner über die Mehrheit im Repräsentantenhaus – die Demokraten bräuchten lediglich vier Sitze um dies zu ändern. Durch diese Mehrheit könnten Präsidialverfügungen („Executiv Orders“), wie sie v.a. Donald Trump liebte, verhindert werden. Das etwa war die Patt-Stellung Barack Obamas. Er konnte viele seiner Versprechen und Vorstellungen nicht umsetzen, da im Kongress die Republikaner das Sagen hatten.

Deshalb ist das Interesse bei den Demokraten so groß wie bislang selten. Und da sieht man gerne über den Streit zwischen den Mainstreamern und den Linksaussen ab! Hauptsache Trump wird nicht mehr gewählt. Sie erhalten Unterstützung durch viele unparteiische Wähler und einige republikanische! Derzeit liegen Harris und Trump lt. Umfragewerten Kopf an Kopf – auch in den Swingstates, also jenen Bundesstaaten, die nicht traditionell republikanisch oder demokratisch wählen. Allerdings wird die Wahlbeteiligung wohl das Zünglein an der Waage darstellen. 2020, bei den letzten US-Präsidentschaftswahlen, lag diese bei 66,4 % – rund 160 Mio Wahlberechtigte gaben ihre Stimmen ab – so viel wie schon lange nicht mehr! Heuer könnten es nochmals mehr werden, was allerdings Trump nicht ganz schmecken dürfte!

Im Folgenden möchte ich das Wahlsystem etwas näher erklären und die Kandidaten vorstellen.

Seit 1788 finden die US-Präsidentschaftswahlen alle vier Jahre statt. Als Wahltag gilt seit 1845 der erste Dienstag im November, da in früheren Zeiten an einem Sonntag der Kirchgang auf dem Programm stand. Mit der Corona-Pandemie kam der Briefwahl eine besondere Bedeutung zu, auch wenn es Donald Trump mehr als missfiel: Grosse Menschenaufläufe vor den Wahllokalen sollten vermieden werden. Zudem konnten 2020 in einigen Bundesstaaten die Wähler erstmals bereits im September (Minne-sota, South Dakota, Vermont, Virginia, Wyoming und Illinois), in anderen im Oktober ihre Stimmen abgeben (Early voters). Beides ist auch heuer von entscheidender Bedeutung. Die Möglichkeit nutzen v.a. die demo-kratischen Wähler, die ansonsten nicht zur Wahlurne gehen können, da sie etwa arbeiten müssen. Deshalb will Donald Trump, sollte er Präsident werden, dies am liebsten wieder abschaffen, da er hier eine gelungene Taktik der Demokraten befürchtet, die Wahlbeteiligung dadurch anzu-heben. Das käme ihm nicht zugute. Übrigens durchaus zurecht – Kamala Harris spornte beispielsweise in Detroit die Wähler an, ihre Stimmen bereits vor der Wahl abzugeben – es wäre der einzige Weg, die Rückkehr Trumps ins Oval Office zu verhindern. Vor Hurricane Helene stellte der Schlüssel-Swing-State North Carolina mit über 350.000 Early voter-Stimmen an nur einem Tag einen neuen Rekord auf. 2020 nutzten rund 100 Mio Menschen diese Möglichkeiten. Acht Staaten und Washington D.C. erlauben heuer gar die Wahl mittels Mail.

Im Gegensatz zu unseren Wahlsystemen, bei welchen die Kanzler als Regierungschefs durch die Wahl der Partei faktisch direkt gewählt werden, finden in den USA indirekte Votings statt. Dabei wählen die sog. „Urwähler“ in ihrem Wahlbezirk bzw. Bundesstaat einen Wahlmann. Diese Wahlmänner wählen schliesslich den Kandidaten, für den sie eingetreten sind. Demokratiepolitisch eher fragwürdig, da es beispielsweise bei den Wahlen 2016 zur unverständlichen Situation kam, dass die Kandidatin der Demokraten, Hillary Clinton, zwar mehr Urwähler-Stimmen als ihr Kontrahent Trump aus den Reihen der Reps erhielt, dieser jedoch mehr Wahlmänner auf seiner Seite hatte. Das sog. „Electoral College“ setzt sich aus 538 dieser Wahlleute zusammen. Jeder Bundesstaat hat so viele Wahlleute, wie er Abgeordnete in’s Repräsentantenhaus entsendet – durch die beiden Senatoren um 2 aufgestockt. Damit sind Bundesstaaten wie New York und Florida (jeweils 29), Texas (38) und schliesslich Kalifornien (55 Wahlleute) dermassen wichtig. Während Kalifornien als demokratisch gilt, ist Florida hart umkämpft. Danach folgen die „Swing States“ wie Pennsylvania (20 Stimmen) und Ohio (18), North Carolina (15), Michigan, Wisconsin und Minnesota (zusammen 36 Stimmen). Hier wurde einmal so, ein weiteres Mal anders gewählt. Jener Kandidat nun, der die meisten Stimmen in einem Bundesstaat erzielen konnte, bekommt – mit Ausnahme von Maine und Nebraska – die Gesamtzahl der Wahlleute dieses Bundesstaates zugesprochen („winner-takes-all“ bzw. Mehrheits-prinzip). In diesen beiden Bundesstaaten werden die Wahlleute proportio-nal vergeben. Nur wenige Wahlmänner sind bislang zum Gegenkandi-daten gewechselt. In manchen Bundesstaaten werden diese sog. „faithless electors“ gar bestraft oder durch andere ersetzt. Für den Sieg reichen insgesamt 270 Stimmen. Die Wahlleute stimmen grundsätzlich 41 Tage nach der Wahl – am Montag nach dem zweiten Mittwoch im Dezember ab – dies wird heuer am 16. Dezember sein. Hillary Clinton konnte nun 2016 in bevölkerungsstarken Bundesstaaten wie New York und Kalifornien gewinnen, hatte aber schliesslich dennoch zu wenig Wahlleute auf ihrer Seite. Ähnliches spielte sich auch in den Jahren 1878 (Rutherford B. Hayes/Samuel Tilden), 1888 (Benjamin Harrison/Grover Cleveland) und schliesslich 2000 (George W. Bush/Al Gore) ab. Ein anderer Spezialfall war die Wahl John Quincy Adams im Jahr 1824. Vier Kandidaten der Demokraten traten gegeneinander an, keiner konnte jedoch die Mehrheit an Wählerstimmen und Wahlleuten erringen. Also wurde der Präsident im Repräsentantenhaus gewählt. Gleiches gilt im Übrigen für die Wahl des Vizepräsidenten, der jedoch bei Nichterreichens der absoluten Mehrheit durch den Senat gewählt wird, da er diesem auch während seiner Amtszeit vorsteht. Die Stimmenauszählung erfolgt stets am ersten Sitzungstag des Kongresses, somit am 03. Januar, in einer gemeinsamen Sitzung des Senats und des Repräsentantenhauses. Das Ergebnis wird am 06. Januar veröffentlicht – die Amtseinführung des neuen Präsidenten findet seit 1933 ab 12.00 Uhr EST jeweils am 20. Januar statt. Wenn da nicht die Befürchtung vieler Experten im Raume stünde, dass die heurige Wahl durch Gerichte entschieden werden wird.

Ein somit durchaus komplexes und nicht wirklich demokratisches Ver-fahren, da es zudem nur die beiden Grossparteien unterstützt. So erhielt etwa 1992 Ross Perot nicht weniger als 18,9 % der Stimmen, jedoch keinen einzigen Wahlmann.

Wahlberechtigt sind grundsätzlich alle US-Bürger, die das 18. Lebensjahr erreicht haben und sich registrieren liessen. Einwohner von US-Aussen-gebieten, wie Puerto Rico bzw. Amerikanisch-Samoa hingegen sind ausgeschlossen – Soldaten können per Briefwahl abstimmen. Auch Gefängnisinsassen, in manchen Bundesstaaten sogar nach der Verbüs-sung ihrer Haftstrafe, dürfen nicht zur Wahlurne. Alleine die Straftäter machen über fünf Millionen Menschen aus. Da Donald Trump ebenfalls abgeurteilter Straftäter ist, dürfte er eigentlich auch nicht wählen – perversesterweise aber gewählt werden!!! Apropos – wählbar sind nach der Verfassung nur „Natural born citizens“, also gebürtige US-Amerikaner, weshalb Arnold Schwarzenegger beispielsweise zwar Gouverneur, nicht aber US-Präsident werden darf. Seine Kinder hingegen sehr wohl, da jedes Kind, das auf US-amerikanischen Territorium geboren wurde, automatisch den Status eines Natural Born Citizen erhält.

Nun zu den Kandidaten!

.) Donald Trump (Rep) – Ex-US-Präsident (2016-2020) und Spitzen-kandidat der Republikaner – hierzu bedarf es wohl keiner Vorstellung! Wird Trump gewählt, wird der 39-jährige J.D. Vance (Senator aus Ohio – ein ehemaliger Trump-Gegner in eigenen Reihen!) zum Vizepräsident. Sein „Ex-Running Mate“ Mike Pence hat sich inzwischen von Donald Trump distanziert. Trump hatte nach den Wahlen 2016 nahezu alle Personen in seiner Regierung ausgetauscht – wäre nicht verwunderlich, wenn dies auch 2025 geschehen würde.

.) Kamala Harris (Dem)

Die 60-jährige amtierende Vizepräsidentin Joe Bidens ist die Tochter einer tamilischen Brustkrebsforscherin und eines aus Jamaika stammenden Wirtschaftswissenschafters. Sie erhielt 1990 die Zulassung als Anwältin und war bis 2016 Staatsanwältin – zuletzt „Attorney General“. Im November 2016 kandidierte sie schliesslich für den US-Senat. Harris wird dem progressiven Flügel der Demokraten zugeordnet. Wird sie gewählt, dürfte sich einiges in den USA ändern.

Trump zog wie zu erwarten war, die unterste Schublade und beleidigte Harris mehrere Male: Sie sei antisemitisch! Daneben meinte er auf der National Association of Black Journalists:

„Ich wusste nicht, dass sie schwarz ist“ … (bis Harris vor einigen Jahren) … „schwarz wurde! Also, ich weiss nicht, ist sie indisch oder ist sie schwarz?“

Harris konterte:

„Das amerikanische Volk verdient einen Anführer, der die Wahrheit sagt, einen Anführer, der nicht mit Feindseligkeit und Wut reagiert, wenn er mit den Fakten konfrontiert wird!“

Sie wiederum bezeichnete Trump als Faschisten. Der lügte im Wahlkampf, dass sich die Balken bogen. So meinte er etwa über die Migranten:

„In Springfield essen sie die Hunde, die Leute, die hierhergekommen sind, sie essen die Katzen. Sie essen die Haustiere der Menschen, die dort leben!“

Viele hochkarätige republikanische Politiker übernahmen das Zitat und blamierten sich damit bis auf die Knochen. Im Internet machte sich Trump damit zur Lachnummer!

Zurück zum Wahlsystem:

Auch wenn sich Liberale und etwa Grüne den Wahlen stellen, so haben diese aufgrund des Wahlsystems zwar die Möglichkeit, in das Geschehen einzugreifen, indem sie Republikanern und Demokraten Stimmen kosten, können jedoch niemals zum US-Präsidenten gewählt werden. So ist es recht einfach zu erklären, weshalb Robert F. Kennedy Jr. nun Trump unterstützt – sein Vater Robert F. und sein Onkel John F. Kennedy dürften sich wohl im Grabe umgedreht haben, als dies bekannt wurde. Kennedy Jr. versuchte es bei den Vorwahlen zuerst bei den Demokraten, dann als Parteiloser! Trump bezeichnete ihn damals als „der wohl dümmste Kennedy“ – jetzt hingegen ist er von ihm mehr als angetan, hält er ihn doch als „schlauen guten Kerl“!

Einen solchen Fauxpas, wie damals bei Hillary Clinton, darf es nicht mehr geben. Da sind sich alle Demokraten einig. Wären die Sanders-Wähler 2016 bei den Wahlen zur Urne gegangen, wäre Donald Trump möglicher-weise nie US-Präsident geworden und Hillary Clinton wohl zum dritten Mal in’s Weisse Haus eingezogen.

Und Trump macht dort weiter, wo er aufgehört hatte: Mit Drohungen in alle mögliche Richtungen: So meinte er etwa, er lasse im Notfall alle NATO-Staaten im Stich, wenn sie nicht ihren Beitrag in das Bündnis einbezahlt haben, Putin forderte er richtiggehend zum Einmarsch in diese Länder auf. Die Verfassung wolle er ändern, … Ob er das Ergebnis der Wahl anerkennen wird, sollte er nicht gewählt werden, darf bezweifelt werden. Manche schliessen sogar einen Bürgerkrieg nicht aus – die Ereignisse vom 6. Januar 2021 würden dies durchaus bestätigen. In seinen Reden sind zuhauf die Worte „Vergeltung“ und „Rache“ enthalten.

Eine gerichtliche Entscheidung über die Wahl, sollte er den Kürzeren ziehen – davon muss auf jeden Fall ausgegangen werden: „Wahlbetrug!“ Obgleich die Wahrscheinlichkeit von Manipulationen verschwindend gering und mit teils hohen Strafen belegt ist, kann er sich dadurch weigern, das Ergebnis anzuerkennen! Gerichte werden wohl über eine Vielzahl von Neuauszählungen vor allem in den Swing-States zu entscheiden haben. Einen solchen „Wahlbetrug“ ortete Trump bereits im Jahr 2020, als Florida neu ausgezählt werden musste. Danach folgte Wisconsin. Auch in Arizona versuchten Trump und sein Anwalt Giuliani ähnliches. Zwei Wochen nach den Wahlen sprachen sie auf den republikanischen Sprecher des dortigen Repräsentantenhaus, Rusty Bowers, ein, dass es dort einen Wahlbetrug mit 200.000 Stimmen gegeben habe. Bowers fehlten die Beweise, er lehnte ab. Als Trump nochmals zu Weihnachten anrief, meinte er:

„Ich habe Sie gewählt, ich habe für Sie gearbeitet, ich habe für Sie Wahlkampf betrieben, ich werde einfach nichts Illegales für Sie tun.“

Bowers blieb integer – das kostete ihn seinen Job. Trump wird auch heuer alle Register ziehen.

Dennoch:

Möge im Gegensatz zum vorletzten Mal die Bessere gewinnen!

Lesetipps:

.) History of American Presidential Elections, 1789-1968; Arthur M. Schlesinger et al.; Chelsea House 1971

.) America in Search of Itself: The Making of the President 1956-1980; Theodore H. White; Harper & Row 1982

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Südamerika brennt!

Es ist ein mehr als trauriges Bild, das ich dieser Tage entdeckte:

Ein Mann kniet in Riberalta, einer Stadt im Norden Boliviens, weinend auf dem abgebrannten Feld vor seinem ebenfalls brennenden Haus. Sein Lebenswerk – ein Raub der Flammen!

Wahrhaft keine guten Nachrichten, die uns in den letzten Wochen aus Südamerika erreichten: Tausende Feuer loderten und lodern nach wie vor auf dem lateinamerikanischen Kontinent. Millionen Hektar sind bereits niedergebrannt, viele mehr werden folgen! Ursache Nummer 1 sind nach wie vor Brandstiftungen!

Beginnen wir am besten – na klar – in Brasilien! Im Bundesstaat São Paulo im Südosten des Landes wüteten alleine im vergangenen August 3.480 registrierte Feuer (mehr als doppelt so viele wie im ganzen Jahr zuvor) – in 45 Gemeinden wurde der Notstand ausgerufen, mehr als 15.000 hauptamtliche und freiwillige Feuerwehrleute standen im Einsatz. Beim Kampf gegen die Flammen starben auch mehrere Menschen. Bislang (Stand: Ende August) gab es zwei Festnahmen wegen Brandstiftung. In Brasilien ist die Lage besonders fatal: Seit Wochen herrscht im ganzen Land eine Extrem-Dürre, von der rund 60 % des Landes betroffen ist. Dem Einen oder Anderen werden die Bilder des ausgetrockneten Amazonas-Gebietes aufgefallen sein.

„Dies ist das erste Mal, dass sich eine Dürre vom Norden bis in den Südosten des Landes erstreckt!“

(Ana Paula Cunha, Forscherin am Nationalen Zentrum für die Über-wachung und Frühwarnung von Naturkatastrophen)

Die Trockenzeit dauert in Brasilien normalerweise von August bis Okto-ber. Doch haben Wissenschaftler der World Weather Attribution (WWA) errechnet, dass bereits der Juni der „trockenste, heisseste und windigste“ Monat des Landes seit dem Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1979 war.

Neben dem Bundesstaat São Paulo traf es auch die Hochebene vom Cerrado und das Feuchtgebiet Pantanal. Der Cerrado gilt als „Wiege des Wassers“. Viele der grossen Flüsse Südamerikas entspringen hier. Während die Feuer im Amazonasgebiet seit dem Beginn der Regierung da Silvas zurückgingen, nahmen sie am Cerrado zu. Das Feuchtgebiet Panta-nal liegt zwischen dem Amazonas und São Paulo, ist das grösste und artenreichste Binnen-Feuchtgebiet der Erde, zirka halb so gross wie Deutschland. Alleine im Juni verbranten dort 6.000 Quadratkilometer. Die Experten des WWA warnten aufgrund der vorliegenden Daten im August, dass die Regenfälle dort in den letzten 40 Jahren kontinuierlich zurückgegangen und die Brände um rund 40 % intensiver ausgefallen sind. Nach Berechnungen des Naturschutzökologen Carlos Peres von der University of East Anglia in Großbritannien erlitt das Ökosystem des Pantanal einen Rückgang der Wasserfläche um 61 % im Vergleich zum historischen Durchschnitt von 1985 – dies jedoch alleine im Jahr 2023! Im Jahr 2020 zerstörte schon ein riesiger Brand rund ein Drittel Pantanals – nach Schätzungen starben 17 Millionen Wirbeltiere in den Flammen. Auch dieses Feuer wurde gelegt! In der ersten Hälfte des Septembers kamen im Amazonas-Gebiet noch weitere mehr als 20.000 Waldbrände hinzu. Verstärkung vonseiten der Regierung kam im Juni – zu dem Zeitpunkt aber waren die Brände bereits ausser Kontrolle. Präsident Luiz Inacio Lula da Silva kündigte die Einrichtung einer neuen Behörde an, die sich mit extremen Klimarisiken befassen und Lösungen liefern soll. Zuvor wurde die Regierung durch den Obersten Gerichtshof aufgefordert, Massnahmen zu setzen. Die Grossstadt São Paulo traf es mit extremem Smok.

„Bis vor etwa 25 Jahren brannten die Wälder im Amazonasgebiet nicht, selbst wenn sie auf Sandböden und saisonal trockenen Gebieten lagen, es sei denn, es gab irgendeine Art von Störung durch den Menschen, wie z.B. Holzgewinnung. Aber das hat sich geändert.“

(Carlos Peres, University of East Anglia/GB)

Werden nun Brände in einem ohnedies schon ausgedürrtem Gebiet gelegt, so hat dies meist fatale Folgen. In Europa ist dies seit Jahren v.a. aus Griechenland, aber auch aus Portugal und Spanien bekannt. Und das ist leider nach wie vor der Fall. Es gilt auch für die nachfolgenden Bei-spiele der anderen Länder: Wurde der Wald gerodet, werden Feuer gelegt, um die Flächen von den Baumstümpfen zu befreien, damit das Land als Acker, Plantage oder Weideland genutzt werden kann, bis es komplett ausgelaugt ist (dauert rund 2 Jahre). Und – dass mit dem Amazonas nicht nur die grüne Lunge unseres Plantene stirbt, weiss Luciana Gatti vom brasilianischen Institut für Weltraumforschung:

„Wir beschleunigen den Klimakollaps. Der verbleibende Wald ist nicht mehr derselbe; es ist, als wäre der Amazonas krank.“

Sie stellte mit ihrem Team fest, dass die Abholzung wesentlich mehr zur Temperaturerhöhung im Amazonasgebiet beiträgt, als der Klimawandel selbst. Logisch – denn: Wo keine Bäume, da auch kein Schatten, da auch kein Wasserspeicher, da in Folge staubtrocken! Zur Erklärung: jeder Regenwald ist ein Biotop. Dort dient nicht nur der Boden als Wasser-speicher, sondern die Bäume und anderen Pflanzen geben auch Wasser über die Blätter ab (Evotranspiration). Das sorgt für eine hohe Luft-feuchtigkeit – es regnet öfters. Peres betont, dass jeder Waldbrand bessere Bedingungen für den nächsten bringt!

Nach Bolivien: Vornehmlich in der östlichen Region Santa Cruz wüteten im Naturschutzgebiet Valle de Tucabaca 85.500 Brände. Sie vernichteten nach Angaben des Nationalen Instituts für Agrarreform (Inra) eine Fläche von mehr als 10 Millionen Hektar – das ist mehr als die Landesfläche von Portugal. Schon im Vorjahr vernichteten Feuer rund 6,3 Millionen Hektar – 60 % Wälder und 40 % Weiden. La Paz spricht von der schlimmsten Umweltkatastrophe in der Geschichte des Landes. Das Land hat den nationalen Katastrophenzustand ausgerufen und um internationale Hilfe gebeten. Auch dort sind die Ursachen der Klimawandel, Brandstifter und auch „El Niño“.

In Argentinien ist Ende September hauptsächlich die Region Cordóba betroffen. 700 Feuerwehrleute standen im Einsatz. Auch hier wurden die Brände gelegt – für 2 Personen klickten die Handschellen. Die Flammen kennen dabei keinen Unterschied zwischen Wald, Plantage, Feld oder Dorf.

Ecuador – Flammen tobten Ende September in der Hauptstadt Quito. Sie wurden offenbar am Stadtrand gelegt und frassen sich durch die Stadt. 100 Familien mussten in Sicherheit gebracht werden. Auch in Ecuador ist es staubtrocken! Präsident Noboa versprach auf X, dass die Brandstifter wegen Terrorismus vor Gericht gestellt werden, sofern es sich um Vorsatz handelte.

Chile – schon im Februar forderten Waldbrände mehr als 50 Todesopfer – über 21.000 Hektar waren davon betroffen.

Durch diese verheerenden Brände werden nicht nur wichtige Sauerstoff-produzenten zerstört – auch der CO2-Ausstoss befindet sich in diesem Jahr auf Rekordniveau. Um aufzuzeigen, um welche Ausmaße es geht – im Februar meldete der Atmosphärenüberwachungsdienst von Coper-nicus diese Emissionen für das Jahr 2023: Brasilien 4,1 Megatonnen CO2, Venezuela 5,2 Megatonnen, Bolivien 0,3. Im Vergleich dazu die Zahlen vom Februar 2003: 3,1 in Brasilien, 4,3 in Venezuela und 0,08 in Bolivien. Das ganze Ausmaß der Brände ist auf Satellitenbildern erkennbar. Auf-genommen durch den NASA-Satelliten DSCOVR verdecken grosse Rauch-wolken Teile Ecuadors, Perus, Boliviens, Brasiliens und auch Paraguays!

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Hurricanes – Fingerzeig des Todes

In der Nacht auf Donnerstag (KW 41) hat Europa den Hurrikan „Kirk“ kennenlernen dürfen bzw. das, was von ihm übrig geblieben ist. Orkan-böen auf den Bergen, teils starke Windböen im Tal und viel Regen! Europa ist eigentlich so gar nicht das Zielpublikum der Monster-Unwetter, doch schafft es immer mal wieder eines dieser Naturereignisse auf den alten Kontinent, wenn auch nicht mehr als Hurrikan, so doch als Sturmfront.

Inzwischen aber tobte jenseits des Atlantiks „Milton“.

Erste Berechnungen gingen davon aus, dass er mit einer Geschwindigkeit von 270 km/h auf Land treffen würde. Das wäre tatsächlich fatal gewesen! Doch hat er sich im Golf von Mexiko „abgeschwächt“ und traf Florida mit 200 Stundenkilometern. Das reichte um eine Spur der Verwüstung zu hinterlassen. Floridas Gouverneur Ron DeSantis meinte:

„Was wir sagen können: Der Sturm war beträchtlich, aber dankens-werterweise nicht das Worst-Case-Szenario.“

Nur 14 Tage zuvor wütete dort „Helen“ mit einer Sturmflut von sechs Metern Höhe (bei Milton waren es vier Meter). Allerdings waren die Regenmengen gigantisch: „Milton“ brachte teilweise 410 l Wasser auf den Quadratmeter. Drei Millionen Menschen hatten keinen Strom, in der Stadt St. Petersburg auch kein Trinkwasser. Trümmer soweit das Auge reicht. „Milton“ machte aber eines noch gefährlicher: Im Gepäck hatte er 37 Tornados, die niemand vorhergesehen hatte. Diese Windhosen trafen etwa St. Lucie County an der Atlantikküste heftig – ein Seniorenwohnheim kam in den Sog – vier Menschen starben, viele wurden vermisst. Milton forderte mindestens sechzehn Menschenleben (bei „Helen“ waren es mehr als 230) und richtete Milliardenschaden an.

Wie aber entstehen solche Monster-Unwetter und was macht sie so gefährlich?

Hurrikane sind tropische Wirbelstürme, die vornehmlich in der Karibik und dem Golf von Mexiko aber auch dem Nord- und Südpazifik entstehen. Hurrikan-Zeit ist zwischen Mai bis Dezember – die meisten aber wüten zwischen Juli und September. Um als Hurrikan anerkannt zu werden, muss zumindest Orkanstärke (Windstärke 12 auf der Beau-fortskala) erreicht werden, das etwa 118 Stundenkilometern entspricht. Die Bezeichnung selbst geht wohl auf die indianischen Einwohner der Grossen Antillen („Taino“) zurück, die Griechen bezeichneten dies als „Typhṓn“ (Taifun). Das betrifft aber heute nurmehr die Wirbelstürme in Süd- und Südost-Asien. Im Indischen und südlichen Pazifischen Ozean werden diese als „Zyklon“ benannt. Die Enstehung der Stürme ist recht kompliziert. Übersteigt ein gleichmäßiges Temperaturgefälle ein bestimmtes Maß im Vergleich zu grossen Höhen, so kann dies die Geburtstsunde eines Hurrikans sein. Dies geschieht zumeist in einer Passatwindzone über dem Atlantik oder östlichen Pazifik bei einer Wassertemperatur von zumindest 26,5 Grad Celsius. Dadurch verdunstet das Wasser und steigt auf. Daraus bilden sich durch die Kondensation riesige Wolken. Unglaubliche Energie wird freigesetzt. Über dem Meeresspiegel bildet sich Unterdruck, der grosse Mengen an verdunstetem Wasser aus der Umgebung ansaugt. Über den Wolken herrscht Überdruck, das verursacht einen Wirbel in entgegengesetzter Richtung. Das sind die sog. „Antizyklone“. Typisch für tropische Zyklone hingegen sind die spiralförmigen Regenbänder, in welchen thermische Aufwinde herrschen. Die feuchten Luftmassen steigen auf und schiessen immer mehr Wasser und Energie nach. In den dazwischen liegenden Zonen strömt kühlere und trockene Luft nach, die absinkt. Am Meeresspiegel fliesst weiter feuchte Luft nach, die durch die Corioliskraft einen Wirbel verursachen.

Trifft nun einer dieser grossflächigen Wirbel auf Land, wird das System gestört, es fliesst anstatt der feuchten Meeresluft trockene Landluft nach. Dadurch erhält der Wirbelsturm kein Wasser und keine Energie mehr – er wird schwächer und endet schliesslich als tropisches Tief. Übrigens – die Energie oberhalb der Wolken wird zu grossen Teilen ins Weltall abge-strahlt. Die Intensität eines solchen Hurrikans hängt von der Ober-flächentemperatur des Wassers ab: Je höher, desto gefährlicher wird der Hurrikan. Die Wassertemperatur steigt aufgrund des Klimawechsels stark an, somit muss vermehrt mit heftigen und wasserreichen Hurrikans/Taifunen gerechnet werden.

Die Klima- und Hurrikan-Forscher beobachteten in der Vergangenheit ein weiteres sehr interessantes Detail: So wechselt die sog. „Atlantic Multi-decadal Oscillation“ (AMO) in einem Abstand von 40 bis 80 Jahren zwischen „warm“ und „kalt“. Seit 1995 läuft im Nordatlantik die Warm-Phase – voraussichtlich noch bis rund 2035. Das erhöht die Hurrikan-Wahrscheinlichkeit. Zu sehen ist dies auch bei den Ereignissen der Vergangenheit: Der bisher tödlichste Hurrikan (Hurricane San Calixto II) wütete 1780 in der Karibik. Mehr als 22.000 Menschen kamen um’s Leben! Viele davon auf See, da zu diesem Zeitpunkt gerade der amerikanische Unabhängigkeitskrieg tobte. So fielen viele britische und französische Soldaten dem Hurrikan auf hoher See zum Opfer. „Mitch“ zog seine tödliche Spur zwischen dem 22. Oktober und 8. November 1998 in Mittelamerika – bis zu 18.000 Menschen starben. Wir alle kennen noch „Katrina“ aus dem Jahr 2005 mit Windgeschwindigkeiten von 250-300 km/h und 1.836 Toten. Der durch sie verursachte Sachschaden belief sich auf 125 Milliarden US-Dollar. Im Vergleich dazu „Helen“: 88 Tote – Sachschaden 110 Milliarden $. Der schnellste jemals gemessene war „Patricia“ mit 345 km/h, in Böen gar 400 Sachen – er traf im Oktober 2015 vom Pazifik kommend bei Mexiko auf Land. Der „Spanien-Hurrikan“ von 1842 war der erste erfasste Hurrikan, der Europa erreichte.

Die Zerstörungskraft eines dieser Ungeheuer steigt übrigens mit der dritten Potenz der Windgeschwindigkeit. Unglaublich aber wirklich wahr ist die Tatsache zum Schluss, dass das Azorenhoch mit seinen Luftdruck- und Strömungsverhältnissen für die Laufbahn der Karibik-Hurrikane verantwortlich zeichnet: Golf von Mexiko oder amerikanische Atlantik-küste! Die Azoren liegen rund 5.000 km Luftlinie von Miami entfernt.

Filmtipp:†

– Tropenwelt Karibik – Sturm im Paradies; NDR-Doku 2007

Lesetipps:

.) The Five-Hundred-Year History of America’s Hurricanes; Eric Jay Dolin; Liveright 2020

.) Sea of Storms: A History of Hurricanes in the Greater Caribbean from Columbus to Katrina; Stuart B. Schwartz; Princeton University Press 2015

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Hydrotherme Karbonisierung – die Zukunft aus dem 20. Jahrhundert?

Der bayerische Kabarettist Gerhard Polt hat einst sinngemäss gemeint, dass man vieles verändern könne – nur will es niemand!

Leider symptomatisch für unsere Gesellschaft – in allen Belangen. Im heutigen Blog möchte ich ein Beispiel aus der Energiewirtschaft erläutern, das viele der heutigen Krisen im Vorhinein angewendet hätte verhindern können – doch wollte es niemand!

Der deutsche Chemiker Friedrich Carl Rudolf Bergius forschte bereits in jungen Jahren an der Herstellung von Benzin und Diesel aus Kohle und Wasserstoff. Dafür setzte er die Grundlage für das chemische Hochdruckverfahren, für das er 1931 den Nobelpreis für Chemie erhielt (neben Carl Bosch) – „… für ihre Verdienste um die Entdeckung und Entwicklung der chemischen Hochdruckverfahren“. Bei der Entgegen-nahme des Preises meinte Bergius, er habe sich „… das Ziel gesetzt, Erkenntnisse zu suchen, die der Menschheit nutzen sollten“! Dies könnte nun – mehr als hundert Jahre später – durchaus der Fall sein und eine mögliche Lösung für die derzeitige panische Suche nach neuen Energie-trägern darstellen!

Bergius arbeitete an der Herstellung von Braunkohle im Labor! Das, wofür die Natur Jahrtausende braucht („geomorphologische Wirkung“), soll innerhalb kurzer Zeit industriell geschaffen werden: Biomasse wird unter Ausschluss von Sauerstoff auf hohe Temperaturen erhitzt. Das Resultat: Biokohlenstoff! Bergius‘ Mitarbeiter Hugo Specht führte den Versuch weiter: Er erhitzte das Inkohlungsprodukt des Torfs auf 450 Grad Celsius bei einem Wasserstoffdruck von 150 atm – heraus kam eine benzolartige organische Flüssigkeit. Diese Hydrierung von Kohle wurde 1913 als Patent angemeldet. Hierauf baute dann das Bergius-Pier-Verfahren auf: Durch hohen Druck und direkte Hydrierung werden die Makromoleküle der Kohle in kleinere Molküle abgebaut. Die Produkte, die entstehen, sind gasförmige und flüssige Kohlenwasserstoffe, die als Kraftstoff oder Schmiermittel verwendet werden können.

Bergius übernahm 1914 das wissenschaftliche Labor der Theodor Gold-schmidt AG in Essen. Der 1. Weltkrieg und die anschliessende Inflation führten zu erheblichen finanziellen Problemen. 1925 verkaufte deshalb Bergius seine Patente an den BASF-Konzern, bei dem er eigentlich für weitere zehn Jahre als Berater agieren sollte. Davon wurde aber nie Gebrauch gemacht, weshalb sich Bergius aus der weiteren Verfahrens-entwicklung ausklinkte. Diese wurde durch Matthias Pier fortgeführt.

Wie aber könnte dies nun förderlich für die Gegenwart und Zukunft sein? Die Abhängigkeit der industrialisierten Welt von den Erdöl und Erdgas fördernden Ländern ist frappierend! Können vorort in industriellen Groß-anlagen synthetische Kraftstoffe hergestellt werden, so ist dies ein grossen Schritt raus aus dieser Abhängigkeit von den OPEC-Ländern!

Und nun wird’s interessant: Heutzutage wird der „Torf“ als Ausgangs-produkt selbst hergestellt! Aus biogenen Reststoffen und Abfall-biomassen wie Klärschlamm, Grünschnitt, Destillationsrückständen usw. So etwa arbeitet in Relzow/Mecklenburg-Vorpommern seit 2017 eine Anlage zur Herstellung von Bio-Kohle aus Abfällen – damals weltweit die erste! Eine weitere steht im chinesischen Jining, wo Klärschlamm zu Biokohle verarbeitet wird – nach eigenen Angaben 14.000 Tonnen jährlich. Die Kohle wird im lokalen Kraftwerk verbrannt. Diese Bio-Kohle kann als Brennstoff, als Dünger oder als Erdöl-Ersatz verwendet werden. Dazu bedarf es keiner Jahrhunderte oder Jahrtausende mehr, sondern nurmehr weniger Stunden (rund 12 h!). Zudem wird weniger als 5 % CO2 freigesetzt. Koppelt man dies mit der Biogas-Produktion oder dem Einsatz von Gärresten als Einsatzstoff, so spricht der Experte von „Kaskadennutzung“.

Die Hydrothermale Karbonisiering sollte nicht mit der „Pyrolyse“ verwechselt werden. Während inzwischen bei Ersterer Temperaturen von 180-200 Grad Celsius ausreichen, bedarf es bei der Pyrolyse wesentlich höherer Temperaturen, die – je nach eingesetztem Grundstoff – schon mal bis zu 700 Grad erreichen müssen. Das Endprodunkt der Pyrolyse ist zumeist Holzkohle. Dazwischen liegt noch die „Torrefizierung“ bei Temperaturen bis zu 300 Grad. Auch die Vergasung ist ein anderer Vorgang. Das schliesslich fünfte Verfahren heisst „Vapothermale Karbonisierung“, bei dem der Grundstoff mit heissem Wasserdampf behandelt wird.

Nach Angaben des Deutschen Bundesumweltamtes fielen im Jahr 2021 zwischen Flensburg und Garmisch-Partenkirchen nicht weniger als 16,1 Mio Tonnen Bioabfälle an: Abfälle aus der Biotonne, Grünschnitt aus Garten und Park, Destillationsrückstände und auch Klärschlamm-Kom-post. In Österreich waren es 2019 alleine durch die Sammlung biogener Abfälle aus Haushalten und ähnlichen Einrichtungen knapp 1,059 Mio Tonnen (Statusbericht 2021 zum BAWP). Dies zeigt auf, über welche Mengen, über wieviel Energie hierbei gesprochen werden kann. Doch kann der künstlich erzeugte Humus auch zur Wiederbegrünung erodierter Flächen verwendet werden, was in weiterer Folge zum weiteren Entzug von CO2 aus der Luft durch die Photosynthese sorgt (negative CO2-Bilanz). Übrigens: Der US-Forscher Dominic Woolf hat berechnet, dass in den Boden eingearbeitete Pflanzenkohle nach 100 Jahren noch rund 70 % des Kohlenstoffs im Acker bindet. Geht man davon aus, dass zwei bis drei Kilogramm CO2 in einem Kilogramm Pflanzenkohle gespeichert sind, könnten nach Schätzungen der Wissenschafter im besten Falle jährlich und weltweit bis zu 6,6 Milliarden Tonnen CO2 aus der Atmosphäre entfernt werden – bei einem Gesamt-Ausstoss von beispielsweise 36,4 Milliarden Tonnen 2021 (Angaben: Global Carbon Project).

Natürlich sind nicht nur deutsche Forscher in diesem Bereich tätig. So arbeiten Wissenschafter der Harvard-Universität an der Nutzung des Kohleschlamms entweder durch Verbrennung oder zum Antrieb spezieller Brennstoffzellen bei einem Wirkungsgrad von rund 60 %. Dabei wird das Kohle-Wasser-Gemisch erhitzt – es entsteht das sog. „Synthesegas“ (Gasgemisch aus Kohlenmonoxid und Wasserstoff).

C 6 H 2 O + 5 H 2 O → 6 C O + 6 H 2

Aus diesem Gas liesse sich in weiterer Folge durch das „Fischer-Tropsch-Verfahren“ (ein grosstechnisches, heterogenkatalytisches Polymeri-sationsverfahren zur Herstellung von Kohlenwasserstoffen) Benzin her-stellen. Sie sehen also: Die Möglichkeiten wären da, die Grundstoffe zweifelsohne in riesigen Massen vorhanden, doch bleiben die meisten Staaten noch bei den fossilen Brennstoffen! Schade eigentlich – für unser Klima!!!

Lesetipps:†

.) Hydrothermale Karbonisierung; Tobias Helmut Freitag; Studienarbeit 2011 .) Einfluss von HTC-Biokohle auf chemische und physikalische Bodeneigenschaften und Pflanzenwachstum; Ana Gajić; Cuvillier Verlag 2012 .) Teerbildung und Teerkonversion bei der Biomassevergasung – Anwendung der nasschemischen Teerbestimmung nach CEN-Standard; Michael Kübel; Cuvillier Verlag 2007

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Technologie der Zukunft – Wieso nicht schon heute damit beginnen?

„Das ist einfach Unsinn!“

(Herbert Diess, VW-Vorstandschef 2019)

Als ich dieser Tage hinter dem Tankzug eines grossen Gase-Produzenten herfuhr, dachte ich mir so nebenbei: „Was wäre wohl, hätte ich zuhause und im Auto jeweils eine Brennstoffzelle? Wäre der vor mir fahrende LKW mein Jahresbedarf?“ Dann kehrte ich jedoch zu meiner früheren Ansicht zurück und verwarf den Gedanken sofort wieder. Im Chemie-Unterricht der Oberstufe demonstrierte der Lehrer damals die Gefahr von Knallgas (Oxyhydrogen). Dieses hochexplosive Gas entsteht, sobald sich Wasser-stoff (H2) und Sauerstoff (O2) vermischen. Es reicht nun bereits ein kleiner Funken, um das Ganze mit einem lauten Knall detonieren zu lassen! Somit wäre mir dieser Energielieferant also auf jeden Fall zu gefährlich, da jede Autofahrt einem Ritt auf einem Fass Dynamit gleich käme. Das ist wohl auch die Meinung vieler Anderer, weshalb die Mög-lichkeit einer Brennstoffzelle von vornherein ausgeschlossen wird.

Was aber viele nicht wissen: Liegen die Volumensanteile des Wasserstoffs in der Luft bei unter 18 oder über 76 % (bei atmosphärischem Druck), so ist diese Verbindung nicht mehr explosiv! Da jedoch der obere Grenzwert rasch sinken kann, wäre dies wohl erneut ein zu grosses Risiko! Also kommt für die Nutzung von Wasserstoff nur die erste Variante in Frage. Luft-Wasserstoffgemische mit einem Wasserstoffanteil von 4-18 % sind brennbar, aber nicht detonationsfähig! Erfolgt die Verbrennung kon-trolliert über eine Mischdüse, so kann eine dauerhafte Knallgas-Flamme (keine Explosion) entstehen. Während das Knallgas bereits im Jahr 1620 durch Théodore Turquet de Mayerne entdeckt wurde, ist die Entdeckung der Knallgasflamme etwas jüngeren Datums. Aufgrund der hohen Tem-peratur von bis zu 3.000 Grad Celsius eignet sich diese Flamme für Schweiss- oder Schneidarbeiten bzw. findet Anwendung in einer Gold-schmiede oder bei der Herstellung oder der Schmelze von Glas.

Der deutsche Chemiker Christian Friedrich Schönbein führte 1838 erst-mals in Basel einen Versuch mit zwei in Salzsäure eingelegten Platin-drähten durch, die er mit Wasser- und Sauerstoff umspülte. Dabei ent-stand elektrische Energie und Wärme. Sir William Grove präsentierte 1839 die sog. „Galvanische Gasbatterie“ und damit den Vorgänger der Brennstoffzelle. In dieser galvanischen Zelle erfolgt die sog. „Kalte Verbrennung“. Dabei werden Wasser- und Sauerstoff zusammengefügt – es entsteht elektrische Energie und Wärme, die auf unterschiedlichste Weise genutzt werden können. Das Abfallprodukt ist Wasserdampf. Eine solche Brennstoffzelle besteht aus zwei Teilen, die durch einen Elektrolyt voneinander getrennt sind, der Ionen-durchlässig und somit für den Ionen-Transport zuständig ist. In Teil 1 wird über die Kathode Sauerstoff eingeleitet, in Teil 2 umströmt Wasserstoff die Anode. Zwischen Kathode (Minuspol) und Anode (Pluspol) baut sich aufgrund der ablaufenden chemischen Prozesse (auf die ich im Detail nicht eingehen möchte) eine geringe elektrische Spannung auf. Werden nun mehrere solcher Brenn-stoffzellen in Serie aneinandergebaut, so erhöht sich dadurch die Spannung.

Derzeit sind vor allem zwei Brennstoffzellen im Einsatz, die sich einzig durch den Elektrolyten unterscheiden: In der Polymerelektrolyt-Brenn-stoffzelle (PEMFC), besteht dieser Elektrolyt aus der Polymer-Membran, einer dünnen, aber festen Kunststoffhaut. In der Festoxid-Brennstoffzelle (SOFC) aus der Hightech-Keramik Zirkondioxid, die hitze- und korro-sionsbeständiger ist.

Der grosse Vorteil dieser Brennstoffzellen liegt im Wirkungsgrad: Er bewegt sich zwischen 70-80 %! Soll heissen, dass 60-70 % der verwendeten Energie in Strom umgewandelt werden kann. Bei einer Gasturbine etwa liegt dieser nur bei rund 40 %

bei einem Benziner bei rund 24 und einem Diesel bei rund 40%. Wird nun der Wasserstoff mit Hilfe von Photovoltaik-Strom produziert, so ist die Brennstoffzelle die umweltfreundlichste Art, Energie zu produzieren. In der Raumfahrt kam die Brennstoffzelle bereits in den 1960er-Jahren zum Einsatz.

Bleibt das Problem, wie ich den Wasserstoff in den Tank bekomme, da es eines unheimlichen Mehraufwandes bedarf, den Wasserstoff pur zu tanken. In gasförmiger Form wird ein Druckbehälter von 700 bar benötigt – hier bleibt das Problem mit der geringen Reichweite. Möglich ist also nur das Tanken von flüssigem Wasserstoff. Dieser aber muss in einem Tiefsttemperaturtank auf -253 Grad Celsius gekühlt werden. So wiegt ein Liter Wasserstoff gerade mal 70 Gramm. Beides nicht wirklich wirt-schaftliche Lösungen.

Es muss also eine Verbindung gefunden werden, die sich rasch und leicht tanken lässt, die nicht explosiv oder brennbar ist und die sich rasch wieder trennen lässt. Dibenzyltoluol lautet eine mögliche Lösung: Eine substituierte, aromatische Kohlenwasserstoffverbindung. Diese Flüssig-keit lässt sich mit Wasserstoff „aufladen“ (LOHC). An der Tankstelle lässt es sich wie Benzin oder Diesel tanken. Im Auto wird der Wasserstoff von seinem Trägermedium abgespaltet (endotherme Dehydrierungsreaktion), das beim Tankvorgang abgepumpt und beispielsweise in sonnigen Gebieten mit Photovoltaiktechnologie durch eine exotherme Hydrierungsreaktion wieder „aufgeladen“ wird. Da Dibenzyltoluol jedoch wasser- und gesundheitsgefährdend ist (Wassergefährdungsklasse 2), wird derzeit vornehmlich auf eine andere Art der Wasserstoffgewinnung zurückgegriffen: Aus Erdgas durch einen sog. „Reformer“. Damit sind wir aber erneut bei den fossilen Brennstoffen angelangt, da der Reformer mit Erdgas beheizt werden muss. Allerdings kann hierfür auch CO2-neutrales Bio-Erdgas verwendet werden. Weitere Trägermedien wären: Toluol/Methylcyclohexan, N-Ethylcarbazol, Benzyltoluol, Naphthalin und Azaborine – die beiden Letzteren scheinen allerdings nicht wirklich ausgereift zu sein!

Dennoch finden sich mehr Erdgas-Zapfanlagen als Wasserstofftankstellen (in Deutschland 82 – in Planung weitere 11/in Österreich 5/in der Schweiz 17). Auf 100 km wird rund 1 kg H2 benötigt, der Tank eines PKW fasst derzeit rund 5 kg Wasserstoff. Der Preis etwa in Österreich liegt bei rund 9,- Euro/kg.

Die Vorteile der Brennstoffzellen liegen also ganz klar auf der Hand:

– hoher Wirkungsgrad

– praktisch schadstofffrei

– wartungsarm

Allerdings gibt es auch Nachteile:

– hohe Kosten

– hohe technische Anforderungen

– begrenzte Brennstoffzellen-Lebensdauer

Die Lebensdauer der Brennstoffzelle hängt von der Haltbarkeit der Polyelektrolytmembranen (PEM) ab – das Fraunhofer-Institut arbeitet mit Hochdruck neben anderenen auch an einer Optimierung. Sie liegt bei knapp über 10.000 Stunden – das kommt einer Reichweite von 400-450.000 Kilometern gleich. Als Heizung im Haus kann eine Brennstoffzelle für rund zehn Jahre verwendet werden – sie wird zumeist mit einer Gasheizung kombiniert. In Japan finden solche Heizsysteme aufgrund einer hohen staatlichen Subventionierung reissenden Absatz – seit 2010 ist das System auch für Einfamilienhäuser erhältlich. Hierzulande gilt das „Langweid-Village“ als federführend. In Langweid bei Augsburg werden 62 Wohneinheiten in 30 Doppel- und Reihenhäuser durch Brennstoffzellen beheizt und mit Strom ausgestattet. Die staatliche Förderung in Deutschland wurde gestrichen, die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) gewährt unter gewissen Voraussetzungen einen Zuschuss von bis zu 40 % für „Energieeffizient Bauen und Sanieren – Zuschuss Brennstoffzelle“! In Deutschland wird die Brennstoff-zellenheizung inklusive Montage für 30-35.000 Euro angeboten

Folgende Autohersteller haben das Brennstoffzellen-Auto bereits zur Serienreife gebracht:

  • Honda (CR-V FCEV derzeit nur in Japan und Kalifornien erhältlich)
  • Hyundai (Nexo ca. € 77.000 €)
  • Hyundai (iX35 – nurmehr als Gebrauchtwagen)
  • Toyota (Mirai II ca. € 64.000)
  • Renault (Scenic Vision H2-Tech Concept Car – kein Preis entdeckt)
  • Mercedes-Benz (GLC Fuel Cell – aus dem Verkauf genommen)

BMW führte als erster eine Weltumrundung mit einem Wasserstoff-Prototypen (BMW †iX5 Hydrogen – als Pilotflotte seit 2023 im Einsatz – kein Preis bekannt)

Brennstoffzellenautos werden in Österreich im Rahmen der E-Mobilität 2024 vom †Staat gefördert (Bundesländerförderungen sind unterschied-lich).

Im Vergleich zu Elektrofahrzeugen entstehen alsdann bei der Produktion weniger umweltschädliche Abfallstoffe, da der Strom für den Elektromotor nicht aus Batterien stammt, sondern direkt erzeugt wird. Zudem kann durch das Abfallprodukt Wasser auch der Boden gekühlt und das Klima verbessert werden – es wird auch in Trockenzonen zu mehr Regenfällen kommen.

Brennstoffzellen-Fahrzeuge werden künftig vor allem im Personen- und Gütertransport eine gewichtige Rolle spielen. Auch sind mit dem Mireo Plus H von Siemens bei der Deutschen Bahn (seit bereits 2016 auf verschiedenen Strecken – die Werke in Ulm und Tübingen werden derzeit gerade wasserstofftauglich gemacht) und der ÖBB (mit dem Coradia iLint von Alstom seit 2020 auf verschiedenen Strecken) bereits Züge im Linieneinsatz – sehr zufriedenstellend übrigens. Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) entwickelte bereits im Jahre 2016 einen Flugzeugprototyp mit PEMFC-Brennstoffzellen („HY 4“) – mit der Dornier 328 soll 2025 ein Demonstrationsflugzeug für klimaneutrale Flüge in der Großflugzeugklasse der EASA („CS25“) in Einsatz gehen.

Während die Heizung mit Brennstoffzellen immer interessanter wird, besteht nach Brennstoffzellenautos kaum Nachfrage. Der Hauptgrund hierfür sind vornehmlich die hohen Anschaffungs- und Betriebsmittel-kosten.

Lesetipps:

.) Wasserstoff & Brennstoffzellen – Die Technik von morgen; Sven Geitmann; Hydrogeit Verlag 2004

.) Brennstoffzellentechnik; Peter Kurzweil; Vieweg 2003

.) Brennstoffzellen in der Kraft-Wärme-Kopplung – Ökobilanzen, Szenarien, Marktpotenziale; Krewitt, Pehnt, Fischedick, Temming; Erich Schmidt Verlag 2004

.) Fuel Cells; Noriko Hikosaka Behling; Elsevier B. V. 2013

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Österreich wählt – Chance für die Zukunft oder Rückfall in die Vergangenheit?

Am 29. September wählt Österreich seine politische Vertretung des Nationalrates (28. Nationalratswahl) und somit auch indirekt eine neue Regierung, da wohl jene Partei mit der Regierungsbildung beauftragt werden wird, die die meisten Stimmen erhält. Das wäre wohl, gemessen an den letzten Umfragen, die FPÖ.

Viele Wahlbürger werden wieder nicht zur Urne gehen, viele andere das wählen, was sie seit Jahren wählen. So manch Anderer wird Protest wählen. Doch gehört es wohl zur Mündigkeit des Wählers, sich vorher genau zu erkundigen, welche Zukunft er sich mit dem Kreuz auf dem Wahlzettel ausgesucht hat bzw. erhalten wird. Deshalb möchte ich in diesem Blog jeweils einen kurzen Blick in das Wahlprogramm der Parteien wagen und dies genauer beleuchten. Ob sich dann die Parteien später daran halten werden, ist – wie schon so oft in der Vergangenheit erlebt – ein ganz anderes Kapitel.

Einige der Parteien haben es mir leicht gemacht, und vieles auf den Punkt gebracht, sodass das Programm auch tatsächlich lesbar ist! Vielen Dank dafür! Andere haben Wert auf Quantität gelegt – man möge mir ver-zeihen, wenn ich hier über einen Grossteil nur hinweggelesen habe – Politikerdeutsch. Doch eines ist mir aufgefallen: Die Österreichische Volkspartei ist mit Unterbrechung der Expertenregierung Bierlein (vom 3. Juni 2019 bis zum 7. Januar 2020) seit 21. Januar 1987 (Regierung Vranitzky II) in den unterschiedlichsten Konstellationen an der Regierung beteiligt (nicht selten federführend) und wirft jetzt einen Wälzer mit 270 Seiten unter’s Volk! Mir persönlich stellt sich da die Frage: Hat denn die ÖVP so vieles falsch gemacht oder liegengelassen, dass es dermassen viele Baustellen im Land gibt?

Ach ja – wenn wir schon gerade dabei sind: Dieser Blog erhebt keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit und Objektivität! Das überlasse ich den Kolleginnen und Kollegen, die (hoffentlich vom Richtigen) für diese Objektivität bezahlt werden, und den alternativen Medien, die ohnedies den Alleinanspruch auf die wirkliche Wahrheit stellen. Der Blog ist viel-mehr eine kritische Auseinandersetzung und somit vergleichbar mit einem Kommentar, in welchem ohnedies stets eigene Meinung einfliesst. Nicht, dass ich wieder mit Protesten überhäuft werde! Wen es interessiert, der ist dazu eingeladen, die sicherlich auch nicht wirklich objektive Infor-mation in den jeweiligen Wahlprogrammen nachzulesen!

Alsdann – auf geht’s in alphabetischer Reihenfolge!

.) Die Grünen („Nationalratswahlprogramm 2024 – Wähl, als gäb’s ein Morgen!“)

Spitzenkandidat: Werner Kogler

†https://gruene.at/nrwprogramm24/††

†Die Grünen sehen ihre Schwerpunkte wie zu erwarten im Klima- und Naturschutz, der Mobilität und dem Wohlstand. Dafür muss ein Büro-kratieabbau erfolgen – für schnellere Genehmigungsverfahren bei Wind-kraftanlagen und Sonnenstromanlagen sowie verpflichtende Sonnenkraft-werke auf jedem neuen Gewerbeparkplatz. Weg von den fossilen Brenn-stoffen! Bereichsüberschreitend bedeutet dies den Ausbau des Klima-Tickets und der Nachtzüge in ganz Europa, die Verlagerung des Güterverkehrs auf die Schiene und ständige Vorfahrt für ÖPNV-Projekte. Der Naturschutz bedeutet v.a. eine verbindliche Bodenschutzstrategie mit einer Beschränkung des Flächenverbrauchs auf 2,5 ha pro Tag. Hand in Hand mit dieser Bodenschutzstrategie gehen Trinkwasserschutz, Hoch-wasserschutz, Nahrungsmittelschutz sowie Tierschutz (Erhalt der natürlichen Lebensräume). Fliessgewässer sollen wieder in ihren ursprünglichen Zustand renaturisiert und kleine sowie mittelgrosse land-wirtschaftliche Betriebe unterstützt werden. Im Bereich der Mobilität soll der öffentliche Vertkehr auf Kosten des Individualverkehrs ausgebaut werden. Daneben denken die Grünen über Steuervorteile für jene Menschen nach, die täglich mit dem Rad zur Arbeit pendeln. Dringend erforderlich wäre auch der Ausbau der Bahn, damit die Kurzstreckenflüge eingestellt werden können. Der Wohlstand bezieht sich vornehmlich auf die Wirtschaft: Einbeziehung der gut ausgebildeten Migranten, die derzeit grossteils noch nicht arbeiten dürfen, Rückholung der Wertschöpfungs-ketten nach Europa, klimaneutraler Wohnbau bis 2040 und die Umstellung auf eine nachhaltige Wirtschaft. Für den Einzelnen würde sich die grüne Regierung wie folgt auswirken: 35-Stunden-Woche, eine faire Millionärssteuer zugunsten des Gesundheitssystems und ein nachhaltiger Tourismus mit Qualität anstelle der Quantität. Ebenso wie die NEOS fordern auch die Grünen eine Pensionsreform. Daneben leistbaren, ökologischen Wohnbau und gesetzlich festgelegte Höchstmieten, aber auch eine Wasser-Versorgungsgarantie. Besonders „durstige“ Grossver-braucher aus Industrie und Landwirtschaft sollen schrittweise auf die Regen- und Nutzwassernutzung umgestellt werden. Weitere Punkte: Entsiegelung in den Städten, Ackerschutz und Kampf gegen die Kinderarmut. Einiges davon hätte durchaus in den vergangenen Jahren in kleinen Schritten umgesetzt werden können, auch wenn sich die ÖVP quergestellt haben sollte. Dann hätte sich zumindest etwas getan!

Die Grünen erklären sich erneut als regierungsbereit!

.) Freiheitliche Partei Österreichs FPÖ („Festung Österreich, Festung der Freiheit“)

Spitzenkandidat: Herbert Kickl†

https://www.fpoe.at/artikel/fpoe-praesentierte-wahlprogramm-festung-oesterreich-festung-der-freiheit-1/

Mit 92 Seiten ist auch das Programm der FPÖ nicht der kleinsten einer. Ganz am Ende übrigens steht die Forderung, den Gebrauchshundesport beibehalten zu wollen! Und ganz am Anfang: „Als Volkskanzler …!“ Nun – daneben liegen die Schwerpunkte der Freiheitlichen in der Wiederer-langung der Verfügungsgewalt der Republik, mehr Selbstbestimmung des Bürgers durch beispielsweise die direkte Demokratie in Form von Volksinitiativen. Interessant in diesem Zusammenhang war die hohe Zahl an Volksbegehren während der türkis-blauen Regierung, die zuhauf mit den Stimmen der Regierungsparteien zurückgewiesen wurden – beim 2. GIS-Volksbegehren enthielt sich die FPÖ (das 1. GIS-Volksbegehren kam von den damals noch oppositionellen Freiheitlichen – auch in diesem Programm als „Zwangsabgabe“ bezeichnet). Auch wurden viele Gesetzes-entwürfe ohne Begutachtung durch die Regierungsparteien durchge-wunken. In diesem Zusammenhang favorisieren sie heute die Volks-befragung – ähm? Das Thema „Demokratie“ soll an den Schulen unterrichtet werden. Wer seit Jahren in Österreich lebt und nicht um die Staatsbürgerschaft ansucht, wird nach Ansicht der FPÖ nicht integrationswillig sein. Gefordert wird zudem eine Aufarbeitung der Corona-Zeit und eine komplette Rückerstattung der verhängten Strafgelder. Jeder solle die Möglichkeit haben, sich unabhängig informieren zu können. Hierbei fordern die Freiheitlichen eine ORF-Reform. Es sei erwähnt, dass das ORF-Gesetz ebenfalls während der türkis-blauen Regierung ohne Begutachtung im Nationalrat durchgeboxt wurde. Die FPÖ bekennt sich zur traditionellen Familie und erwähnt in diesem Zusammenhang das Wort „permanente Transgender-Gehirn-wäsche“! Im selben Kapitel ist auch die Rede von der Remigration „der wesentlich grösseren Gruppe am Menschen, …, die uneingeladen nach Europa gekommen sind!“ (siehe hierzu mein vorhergehender Blog zu diesem Wort!). Die FPÖ spricht sich zudem gegen die volle Digitalisierung der Gesellschaft zum Zwecke der Überwachung und für den Ausbau der öffentlichen Verkehrsmittel aus – allerdings nicht auf Kosten der Individualmobilität. Erst dann geht es in die Forderungen auch der anderen Parteien: Leistbarer Wohnraum, Lockerung der Kredit-Vergabe-Kriterien, … Im Gesundheitsbereich müsse jeder Einzelne durch die Eigenverantwortung ohne Bevormundung entscheiden können. Im Sicher-heitsbereich wird eine Rekrutierungsoffensive gefordert, damit sich die Bürger wieder sicher fühlen können. Auch hier agierte die Regierungs-partei FPÖ ganz anders als die Oppositions-FPÖ: Der damalige Innenminister Kickl ordnete eine Razzia beim Bundesverfassungsschutz (BVT) an, da dieser im rechtsextremistischen Milieu nachrichtendienstlich ermittelte. In Sachen Arbeitspolitik lehnt die FPÖ die Trennung in Arbeitgeber- und Arbeitnehmerpolitik ab, es müsse vielmehr als „kommunizierende Gefässe“ betrachtet werden. Auch die FPÖ fordert eine Entlastung für Klein- und Ein-Personen-Unternehmen. Und das Sub-sidiaritätsprinzip: Höhere Institutionen sollen nur dann zuständig sein, „wenn für die Erledigung einer Aufgabe die Kompetenzen und Möglichkeiten auf den unteren Ebenen nicht ausreicht“! Auch hier bestehen Diskrepanzen zwischen der Regierungs-FPÖ, die damals alles in Wien zentral lenken wollte, und der Oppositions-FPÖ!

Die FPÖ stellt Regierungsanspruch!

.) Kommunistische Partei Österreichs KPÖ („Programmatische Eckpunkte“)

Spitzenkandidat: Tobias Schweiger

https://www.kpoe.at/wp-content/uploads/2024/08/2024-08_A5_Wahlprogramm.pdf

Die Kommunisten beginnen mit dem Grundrecht Wohnen, gehen über in ein leistbares Leben, dem Klima, der Neutralität bis zur Gesundheit! Im Einzelnen: Das „Wohnparadies Österreich“ ist ein Mythos, der auf längst vergangenen Errungenschaften aufbaue. Wohnpolitik ist Sozialpolitik, meint die KPÖ, und ein Grundbedürfnis! Derzeit verfügen nach Angaben der Partei die reichsten 10 % der Bevölkerung über 80 % der vermietbaren Wohnimmobilien. Die KPÖ fordert deshalb die Aufnahme des Wohnens als Grundrecht in die Verfassung. Das führt zu einem Rechtsanspruch auf Wohnraum. Die Forderung, wonach die Wohnkosten ein Viertel des zur Verfügung stehenden monatlichen Budgets betragen dürfen, ist dabei wohl nur ein sehnlicher Wunschtraum für viele. Parallel dazu gehöre das Mietrechtsgesetz reformiert – es müsse weniger ver- als vielmehr mieter-konform ausgerichtet werden. Weitere Schwerpunkte: Mietpreis-deckelung, keine befristete Verträge und offensiver öffentlicher Wohnbau. Im leistbaren Leben gehe es um das Prinzip: „Löhne rauf, Preise runter!“. Hierfür sollten die Preise reguliert werden und die Löhne bei guten Arbeitsbedingungen steigen (Mindestlohn: 2.400 €). Zudem bedürfe es einer Grundversorgung bei Energie, Pflege und Kinderbetreuung. So müsse der Energie-Grundbedarf kostenlos zur Verfügung stehen, danach die Kosten progressiv steigen. Dies führe zu einem sparsameren Umgang bei Energie und Heizen. Die Arbeitszeit müsse auf 30 Stunden pro Woche reduziert werden, damit mehr Zeit für Familie und Erholung übrig bleibe. Zudem müssten die Sozialleistungen wie auch die Pensionen, das Arbeitslosengeld und die Notstandshilfe auf ein Mindestniveau ange-hoben werden. Das würde aber ein riesiges Loch ins Budget reissen! Wie dieses gestopft werden könnte, zeigen die bereits gewählten Mandatare der KPÖ auf: Sie behalten von ihren Gehältern ein Facharbeitersalär, der Rest geht an Menschen in Not. Apropos Pensionen: Nein zur Erhöhung des Eintrittsalters und eine Durchrechnung über 15 Jahre. Hiervon würde v.a. Frauen profitieren. Ferner könnten durch eine erhöhte Körper-schaftssteuer auf Übergewinne und eine Unternehmens-Beteiligung des Staates bei Subventionen in Betriebe sinnvollere Wirtschaftsakzente gesetzt werden. Ganz allgemein will die KPÖ „die Reichen zur Kasse bitten und die Massen entlasten“! Die kommunistische Klimapolitik sähe so aus: Anstatt der Subventionen an Private und Unternehmen (wovon am meisten die Reichen profitieren), sollen die Gemeinden eine jährliche Milliarde für erneuerbare Energieprojekte im kommunalen Eigentum (etwa Energiegenossenschaften) erhalten. Der Strom der Erzeuger soll in einen Strompool fliessen, der in einen regulierten Bereich und einen nach Marktpreisen unterteilt wird. So könnten sich die Kunden entscheiden, welcher Preis ihnen sympathischer erscheint. Auch die KPÖ fordert den Ausbau des öffentlichen Verkehrs und ein soziales Klimaticket. Umweltschädliche Industrien (allen voran Rüstungsbetriebe) sollten zu sozial- und ökologisch nachhaltigen, grünen Betrieben umgebaut werden. Auch die Landwirtschaft muss nachhaltiger und kleine bis mittelgrosse Bauernhöfe mehr gefördert werden. Die Neutralität ist rasch erklärt: „Frieden durch aktive Neutralität“! Nein zur Aufrüstung und zurück zum ursprünglichen Gedanken der immerwährenden Neutralität. Im Gesundheitsbereich fordert die KPÖ eine klassenlose Medizin, eine Stärkung der Pflege zuhause sowie eine Entlohnung für Pflegepersonal bereits in der Ausbildung. Ferner sollte die Höchstbeitragsgrundlage gestrichen werden, sodass jene, die sehr gut verdienen, auch mehr in das Gesundheitssystem einzahlen müssten („Solidarische Finanzierung des Gesundheitssystem“).

†Die KPÖ möchte in den Nationalrat einziehen!

.) NEOS („Manifest für die Nationalratswahl 2024“)

Spitzenkandidatin: Beate Meinl-Reisinger

https://www.neos.eu/_Resources/Persistent/2e07290a086b7a56de6086abf83a3fc1a28685fc/NEOS_

†Die NEOS setzen ihre Schwerpunkte auf „enkelfit“, „clever“, Fortschritt und „unternehmerisch“. Ein Österreich, das durch Reformkraft in Wohlstand, Freiheit und sozialem Zusammenhalt wieder aufblühen soll. Lassen Sie mich das etwas genauer erläutern! „enkelfit“ bedeutet, eine andere Bildungspolitik, damit alle Kinder etwas vom Bildungs-Kuchen haben sollen. Das Budget soll komplett saniert werden, damit nicht jedes Ungeborene bereits mit einem riesigen Schuldenrucksack zur Welt kommt („Ausgabenbremse“). Allerdings ohne neuer Steuern oder Steuerer-höhungen! Wie das gemacht werden soll – das ist dann wohl „clever“! Hierfür bedarf es nicht zuletzt einer Pensionsreform zu einem gerechten und nachhaltigen Pensionssystem: Individuell flexibel und unter Berücksichtigung der demografischen Entwicklung! Au Backe – hehre Ziele, an welchen seit Jahrzehnten gewerkelt wird, doch eine wirkliche Lösung blieb bislang aus. Berücksichtigt man, dass aktuell und in den kommenden Jahren die Baby-Boomer und damit ein Grossteil der bislang in die Pensionskassen einzahlenden Menschen in die Pension gehen bzw. gehen werden, wohl eine schier unlösbare Aufgabe, da der Generationenvertrag mehr als hinkt: Gut bezahlte Fachkräfte, die fleissig in die Pensionskassen einbezahlt haben, gehen wohlverdient in den Ruhestand und werden durch teils unausgebildete Schulabbrecher als Hilfskräfte ersetzt! Gut ausgebildete Migranten dürfen in den meisten Fällen nicht in ihrem Ausbildungsjob tätig sein! Um dies zu verhindern, fordern die NEOS einen Deckel für Pensionszuschüsse, eine Teil- und flexible Pension und ein automatisches Pensionssplitting. In die Budgetsanierung sollen auch die Länder mehr eingebunden werden: Aufgabenorientierter Finanzausgleich, Steuerautonomie, Einnahmen- und Ausgabenverantwortung stärker zusammenführen (führt das nicht zu neun anstatt bislang einem ausufernden Schuldenbudget?) und einer Verwaltungsreform inklusive der Abschaffung des Bundesrates. Das befürworte ich seit Jahren, da der Bundesrat schon längst nicht mehr die Länderkammer als vielmehr eine gut bezahlte Politikerpension ist und Entscheidungen wie im Nationalrat nach Fraktionen gefällt werden. Welchen Sinn macht da die Landeshauptleutekonferenz, die nur als informelles Gremium gilt und keinerlei Entscheidungsvollmacht hat? Im Gesundheitsbereich fordern die NEOS eine Pflegereform sowie die Entlastung der Spitäler durch die niedergelassenen Ärzte und Heilberufe. Die Finanzierung dieses Bereiches soll zentral geführt werden! Aus der Pflichtversicherung soll eine Versicherungspflicht werden – bei freier Kassenwahl! Ähm – aufgrund der sündhaft teuren Zusammenführung vieler Versicherungen durch die türkis-blaue Regierung gibt es nicht wirklich viele Alternativen mehr – etwa im Vergleich zu Deutschland! Positiv zu erwähnen: Die geforderten Primärversorgungszentren! Daneben werden flächendeckende Impfungen in der Schule gefordert! Und ja: Eine kontrollierte Abgabe von Cannabis für die Großen.

Die NEOS erklären sich für regierungsbereit!

.) Österreichische Volkspartei ÖVP („Österreichplan: Das Programm“)

Spitzenkandidat: Karl Nehammer

https://www.karl-nehammer.at/das-programm

Volle Granate schiessen die Türkis/Schwarzen bereits im Vorwort die Schwerpunkte ihres Programmes raus: Überstunden steuerfrei, Arbeit in der Pension abgabenfrei, Senkung der Lohn- und Einkommenssteuer, Nein zu Vermögens- und Erbschaftssteuern, Senkung der Lohnneben-kosten um 0,5 % pro Jahr, Gesetze und Regeln mit Ablaufdatum (weniger Bürokratie!), KI-Anwendungen im öffentlichen Dienst, starke Landwirt-schaft etc. etc. Mich wundert dabei, dass die Volkspartei all diese Punkte nicht schon in ihren (wie vielen Legislatur-Perioden) Regierungsjahren umgesetzt hat!? Vieles davon ist – so ganz nebenbei erwähnt – überhaupt mir nichts, dir nichts nicht umzusetzen! Als Beispiel – die Lohnneben-kosten: Wie soll das entstehende Loch gestopft werden, wenn diese Versprechungen eingehalten werden? Von den Reichen kann das Geld nicht kommen, da eine Vermögens- und Erbschaftssteuer abgelehnt wird. Arbeit in der Pension abgabenfrei, Senkung der Lohnnebenkosten – das bedeutet ja wohl auch, dass Kranken- und Pensionsabgaben gekürzt werden! Auch wenn die entsprechenden Kassen bisher noch riesige Glaspaläste errichteten, geht’s bereits seit Jahren um die Sicherung der staatlichen Pensionen! Wie bereits vorher beschrieben, werden die Babyboomer in den kommenden Jahren in Pension gehen – somit fehlen dann auch deren Beiträge in der Pensionskasse. Die Krankenkassen schreiben schon aktuell tiefrote Zahlen – Tendenz: Steigend! Durch die Zusammenlegung der Sozialversicherungen unter der türkis-blauen Regierung ist es noch schlimmer geworden. Auf die versprochene Milliarde Einsparung wartet Österreich noch heute – die Defizite hingegen werden immer grösser! KI-Anwendungen im Öffentlichen Dienst bedeutet dementsprechend auch Wegfall der Stellen! Trotzdem sollen neue Stellen geschaffen werden! Beisst sich da die Katze nicht in den eigenen Schwanz? OK – weg vom Vorwort – hin zum Wahlprogramm! Im Wissenschaftsbereich fordert die ÖVP mehr MINT- und FH-Studienplätze! MINT bedeutet Mathematik/IT/Naturwissenschaften und Technik. Studienplätze wären im Alpenland eigentlich genügend vorhanden. Doch belegen diese zu einem nicht unwesentlichen Teil ausländische Studierende, die nicht gehalten werden können, da sie wieder in ihre Herkunftsländer zurückkehren. Oder – einheimische Studienabgänger werden direkt von der Uni weg ins Ausland abgeworben. Ist Österreich etwa zu wenig attraktiv für Akademiker? Im Tourismus wird mit Qualität vor Quantität geworben! Frage eines Unbedarften: Sind das etwa die beheizten Sitze beim Sessellift? Anstatt dessen werden Grossprojekte durchgewunken, die einzig dazu führen, dass wesentlich mehr Urlauber angelockt werden sollen: Zusammenlegungen von Schigebieten, riesige Beschneiungsanlagen, …! Die Preise sind inzwischen derart gestiegen, sodass sich auch Einheimische keinen Urlaub mehr in Österreich leisten können. Das Ranking der Herkunftsländer führt nach wie vor Deutschland an. Dort hat inzwischen auch der Mittelstand Existenzängste! Übrig bleiben die Reichen, die heute mal da, morgen mal da ihren Urlaub verbringen – was gerade angesagt ist! Österreich ist bekannt für seine Kultur. Die Türkisen versprechen eine „soziale Absicherung für Künstlerinnen und Künstler“. Kulturschaffende an der Basis wissen um die Probleme beim Ansuchen um Förderungen. Dafür werden zig-Millionen in die angebliche „Hochkultur“ geschossen. Viele dieser Organisatoren sind hingegen betriebswirtschaftlich geführte Unternehmen, die ohne öffentlicher Gelder nicht mehr auskommen können, da der Anspruch des Publikums nach internationalen Stars immer grösser wird, die selbst-verständlich auch nicht günstiger werden. Nicht dass ich missverstanden werde: Das Geld der sog. Hochkultur sollte nicht unter den Volkstanz- oder Schuhplattlergruppen aufgeteilt, sondern wesentlich besser verteilt werden. Zum Thema „starke Frauenpolitik“: Hier muss ein starkes Lob ausgesprochen werden: Schliesslich sind unter 26 Vorschlägen der Bundesliste 13 Frauen – gereiht jeweils nach einem Mann! Natürlich wird sich hier nicht zuletzt aufgrund der Vorzugsstimmen und parteiinternen Personalentscheidungen noch einige ändern! Dennoch: Ein Schritt in richtiger Richtung!

Die ÖVP stellt erneut den Regierungsanspruch!

.) Sozialdemokratische Partei SPÖ („Unser Plan für Österreich“)

Spitzenkandidat: Andreas Babler

https://www.spoe.at/wahlprogramm2024/

Die SPÖ verweist als erstes auf den Ende 2023 durch den Bundes-vorsitzenden Babler eingesetzten Expertenrat mit Mitgliedern aus allen Bereichen der Gesellschaft. Ein Grossteil des Programms stamme aus diesem Ursprung. An erster Stelle ist die Entlastung der österreichischen Bevölkerung gelistet. Dies solle durch die Einfrierung der Mietpreise, dem Zinspreisdeckel für Häuslebauer (auf 3 %), dem Vorrang des gemeinnützigen Wohnbaus, der Regulierung der Energiepreise, einer verstärkten Preisaufsicht und der Senkung der Preise für Grund-nahrungsmittel erreicht werden. Aufbauend auf einer OXFAM-Studie, wonach eine durchschnittliche österreichische Familie mehr Steuern als ein Millionär bezahlt, fordert die Sozialdemokratie die Einführung von gerechten Millionärssteuern, sowie der Erbschafts- und Schenkungs-steuer auf Millionenvermögen. Daneben soll in der staatlichen Verwaltung gespart werden, insbesondere bei Beraterstäben und Regierungs-PR. Ein weiterer Schwerpunkt betrifft die Wertschätzung v.a. in den Berufssparten Gesundheit, Pflege und Sozialdienste. Projekte in Portugal, Island und Deutschland haben nachgewiesen, dass die 4-Tage-Woche zu mehr Produktivität führen. Deshalb tritt die SPÖ in diesem Wahlkampf dafür ein – wird allerdings in den Gesundheits- und Pflegeberufen wohl zu noch mehr Personalnot führen. Hier könnten allerdings vereinfachte Nostri-fizierungsverfahren helfen: Die Anerkennung der im Ausland erworbenen Studienabschlüsse und Berufsausbildungen. Im Bereich des Klima- und Naturschutzes wird ein effektiver Wasserschutzplan gefordert, damit sauberes Trinkwasser auch weiterhin garantiert ist. Ähnlich wie bei den Grünen soll bei Grossverbrauchern wie Industrie und Landwirtschaft eine Lösung gefunden werden. Apropos: Gegen die Abnahme der Biodiveristät (Artenvielfalt) müsse sofort vorgegangen werden, da sich lt. Studien 82 % aller Arten „in einem ungünstigen Erhaltungszustand“ befänden. Die SPÖ empfiehlt hierzu ein Biodiversitäts-Budget, ein -Monitoring und einen -Check für Gesetze. In der Mobilität soll ebenfalls dem öffentlichen Verkehr Vorrang eingeräumt werden: Kostenloses Klimaticket für Unter-18-Jährige, Stärkung von Bus- und Bahnlinien, Schiene vor LKW (flächendeckende LKW-Maut), Besteuerung von Flugkerosin und mehr E-Ladestellen durch die öffentliche Hand. In der Landwirtschaft sollte das Fördersystem reformiert werden. Anstatt der grossen industriellen Landwirtschaftsbetrieben sollen die mittleren und kleinen Betriebe mehr Subventionen erhalten. Vehement gegen Privatisierungen im Gesundheitsbereich setzen sich die Sozialdemokraten ein: Es dürfe nicht sein, dass Beitrags- oder öffentliche Gelder „in die Taschen privater Finanzinvestoren“ fliessen.

Die SPÖ stellt Regierungsanspruch!

Sie sehen: Es wird von vielen erneut das Blaue vom Himmel herunter versprochen, vieles ist gar nicht umsetzbar! Die Vergangenheit hat bewiesen, dass viele Wahlprogramme zwar gut klingen, jedoch meist das Papier nicht wert sind, auf das sie geschrieben wurden.

Aktuelle Umfragen zwei Wochen vor der Wahl besagen, dass sich viele noch uneins sind, wen sie wählen wollen – das könnte unter Umständen auch an denselben ähnlichen Forderungen der Parteien und dem parteienübergreifenden (ausser der KPÖ) Wunsch nach Wohlstand liegen. Zu sehr ähneln sich die Parteien, unterscheiden sich dann aber immens bei der Umsetzung des Programmes. 40 % der Befragten wissen allerdings, wen sie nicht wählen!

Meine Bitte an Sie: Gehen sie am 29. September zur Wahl! Nutzen Sie ihr demokratisches Recht – in vielen anderen Ländern wünscht sich das die Bevölkerung, darf aber nicht! Wählen sie die Volksvertreter Ihres Vertrauens, welchen Sie es zutrauen, den Anforderungen gewachsen zu sein und Österreich in den kommenden fünf Jahren in eine gute Zukunft führen werden. Sollten Sie hingegen Protest wählen, so sollten Sie davor zumindest in groben Zügen darüber informiert sein, für welche Grund-sätze die Partei steht!

Vielen Dank hierfür!

PS:

Verzeihen Sie mir, den von mir gewählten Konjunktiv (Möglichkeitsform); die Zukunft wird’s weisen, was davon wie umgesetzt werden wird!

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