Archive for the ‘Allgemein’ Category

Heilig’s Blechle!!!

Der deutsche Wirtschaftsminister Robert Habeck meint:

„Die Ankündigungen der hohen Zölle auf Autos und Autoteile sind eine schlechte Nachricht für die deutschen Autobauer, für die deutsche Wirtschaft, für die EU, aber auch für die USA. Sie greifen in die globalen Lieferketten ein und werden auch US-Autos teurer machen. Preise werden in den USA weiter steigen.“

Etwas deutlicher wird die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen:

„Wir werden nun diese Ankündigung zusammen mit anderen Maß-nahmen, die die USA in den nächsten Tagen in Betracht ziehen, bewerten.“

Südkorea hat Notfallmassnahmen angekündigt, Kanada spricht von einem „direkten Angriff“ und auch Japan stimmt in den Chor mit ein:

„Wir legen alle Optionen auf den Tisch, um die effektivste Antwort zu finden!“,

so Japans Ministerpräsident Shigeru Ishiba.

Doch – das Thema Strafzölle auf im Ausland produzierte Autos kennen wir bereits! Schon 2018 verfolgte US-Präsident Donald Trump diese Pläne. Damals waren nicht alle in seinem Team damit einverstanden. Etwa Rex Tillerson – es kostete ihn den Job. Anlässlich seiner Entlassung schrieb Stefan Kornelius von der Süddeutschen Zeitung, dass es um Rex Tillerson als höchstwahrscheinlich schlechtesten US-Aussenminister nicht schade wäre, doch hatte er durchaus seine Berechtigung: „…als Korrektiv für den wohl schlechtesten Präsidenten in der Geschichte der USA“! Trump ist ein Populist und als solcher – das kennen wir von Vertretern der SVP in der Schweiz, der AfD in Deutschland und der FPÖ in Österreich – ein Krakehler und Tagespolitiker ohne Weitblick.

„Wenn die EU mit Kanada daran arbeitet, den USA wirtschaftlichen Schaden zuzufügen, werden groß angelegte Zölle, viel größer als die derzeit geplanten, gegen beide verhängt!“

(Donald Trump auf seiner Plattform Truth Social)

Posaunte er doch ehedem freudestrahlend bei einer Wahlkampf-veranstaltung in Pennsylvania in die Welt: „Wir werden Mercedes-Benz und BMW mit Zöllen belegen!“, so hat er wohl übersehen, dass BMW mit der Tochtergesellschaft BMW US Manufacturing Company LLC in Spartanburg/South Carolina seit 1994 mit 8.000 Mitarbeitern täglich rund 1.400 Fahrzeuge der Modelle X3, X4, X5, X6, X7 und XM selbst vorort fertigt – vom Z3 etwa wurden bis 2002 297.087 Exemplare in den USA hergestellt. Auch Mercedes produziert über die Tochter Mercedes-Benz U.S. International (MBUSI) in Tuscaloosa/Alabama die Modelle GLE, GLS und GLE Coupé sowie den Mercedes-Maybach GLS, aber auch den vollelektrischen EQE SUV, den EQS SUV und den Mercedes-Maybach EQS SUV. Daneben betreiben die Stuttgarter in Woodstock/Alabama auch ein eigenes Batteriewerk. Mercedes investierte an den Standorten rund 7 Millarden US-Dollar (darunter etwa 1 Mrd. für das Batteriewerk) und fertigte dort seit 1997 etwa 571.000 Stück der M-Klasse, danach auch die R- und GL-Klasse. Wertmässig zwei Drittel der verarbeiteten Teile stammen von US-Zulieferern, in beiden Werken arbeiten über 6.000 Mitarbeiter – mehr als 260.000 SUVs verliessen im Jahr 2024 das Fliess-band (seit 1997 mehr als 4,5 Mio Fahrzeuge). Mit einer Wertschöpfung 2017 von 1,5 Milliarden US-Dollar und einem Exportvolumen von 1 Milliarde jährlich ist das Unternehmen sogar der grösste Exporteur Alabamas, der zweitgrösste Automobil-Exporteur der USA. Somit geht es bei diesen beiden Unternehmen – sollten sie in Runde 2 Schaden aus den Plänen Trumps erleiden – um heimische Arbeitsplätze in zwei Bundesstaaten aus dem Süden der USA – aus dem Gebiet der Stamm-wählerschaft der Republikaner. Es ist also grösster Nonsens, wenn Trump mit der Einfuhr von Strafzöllen Autohersteller aus dem Ausland mit Standort in den USA schaden möchte.

Andere Studien hingegen zeigen auf, dass dies mit Vorsicht zu geniessen ist. So hat beispielsweise das CAR-Center Automotive Research an der Universität Duisburg-Essen 2018 ausgerechnet, dass Strafzölle eine Mehrbelastung der deutschen Autoindustrie im US-Geschäft in der Höhe von 3 Milliarden Euro jährlich bedeuten würde – und BMW treffe es am meisten, da die in den USA produzierten Fahrzeuge „nicht gegen-gerechnet werden könnten“! Soll heissen, dass alle anderen Modelle (bei BMW beispielsweise auch der Mini) importiert werden müssen. Hierzu einige Zahlen aus 2017 für die Produktionen und Verkäufe in den USA:

– Audi

50.000 Fahrzeuge gebaut, 225.000 verkauft, 170.000 importiert, erwartet 655 Mio € Mehrausgaben

– BMW

370.000 Fahrzeuge gebaut, 350.000 verkauft, 250.000 importiert, erwartet 1 Mrd € Mehrausgaben

– Mercedes (inkl. Smart)

335.000 Fahrzeuge gebaut, 375.000 verkauft, 150.000 importiert, erwartet 600 Mio € Mehrausgaben

– VW

600.000 Fahrzeuge gebaut, 340.000 Fahrzeuge verkauft, 5000 importiert, erwartet 11 Mio € Mehrausgaben (Porsche zusätzlich 480 Mio € Mehrausgaben)

Auch VW lässt in Chattanooga bzw. Mexiko für den US-Markt produ-zieren. Mexiko ist ja vorerst bis Anfang April von den Trump’schen Strafplänen der generellen Strafzölle ausgenommen, da auch sehr viele US-Auto-Produzenten aufgrund der niedrigeren Löhne dort produzieren lassen. Ausserdem sind Mexiko und auch Kanada ja alsdann Mitglieder des nordamerikanischen Freihandelsabkommens (NAFTA), doch soll auch das überarbeitet werden. Und zudem gibt es da noch die Free Trade Area of the Americas (FTAA) – die amerikanische Freihandelszone!

Aber – fairerweise muss erwähnt werden: Aus den USA in Europa importierte Fahrzeuge werden hierzulande mit einem Zoll von 10 % belegt! Die USA verlangten bislang für europäische Fahrzeuge nur 2,5 %. Etwas anders zeigt sich jedoch die Situation bei Lastwagen und Pickups – die USA verlangen 25 %, die EU hingegen nur 14 %. Ein ähnliches Prozedere auch bei Schuhen, Textilien und Erdnüssen.

Im Automobilbereich sieht Trump das grösste Problem.

Seit 12. März bestehen schon Strafzölle auf Erzeugnisse aus Stahl und Aluminium in der Höhe von 25 % – „zum Schutz der nationalen Sicher-heit“! Damit trifft er die EU weitaus weniger hart als beispielsweise Brasilien und China. Und nun, ab dem 03. April also auch auf Autos.

Die EU führte bereits 2018 Zusatzzölle für US-Produkte ein, die bislang ausgesetzt waren – allerdings sollen diese ab 15. April wieder in Kraft gesetzt werden. Dies beträfe dann Waren bzw. Marken wie Harley Davidson, Jack Daniels, Levis, Marlboro, … – einzusehen im Anhang II der Durchführungsverordnung EU 2018/885 bzw. 2020/502: Waren aus Aluminium und Stahl, Lederwaren, Zucker, Rindfleisch, … – ja, auch meine heissgeliebten Erdnüsse werden dabei sein. Produkte im Gesamt-wert von rund 6,4 Milliarden Euro! Das bedeutet dann Krieg, Handels-krieg! Schliesslich hängen zigtausende Arbeitsplätze vom EU-Import amerikanischer Waren ab. Wie war das noch vor ein paar Jahren mit TTIP???

Etwas gelassener sieht es die Stahlindustrie in Deutschland. Hier werden vornehmlich Rohre für US-Pipelines exportiert – nachdem das Fracking-Geschäft aber dermassen eingebrochen ist, ist auch dieser Bereich rückläufig. Sollten die Exporte über den Atlantik ausfallen, tut’s zwar weh, verursacht aber keine wirklich grossen Hühneraugen, da die entsprechenden Unternehmen zudem aufgrund von Dumping-Verfahren, die bereits 2016 eingeleitet wurden, die Exporte stark gedrosselt oder gar gestoppt haben. Auch der grösste österreichische Stahlerzeuger, die voestalpine betont, dass nur rund 2-3 % des Umsatzes von Strafzöllen betroffen wären. Das Unternehmen lukriert etwa zwei Drittel ihres Stahlumsatzes mit den USA (1 Mrd. €) als lokale Produzenten in den USA selbst (Angaben: Wolfgang Eder, Ex-Vorstandsvorsitzender VOEST 2018).

Einzig: Der Umleitungseffekt wird zu Problemen führen. Jene Grobbleche, die nicht mehr in die USA exportiert werden, drängen auf den europäischen Markt. Und der kränkelt ohnedies seit Jahren schwer. ThyssenKrupp hat schon 2017 300 Arbeitsplätze in der Grobblech-produktion gestrichen. Grobbleche werden beispielsweise für die Motoren- oder Röhrenproduktion benötigt. Hier ist der Markt schon seit längerem heiss umkämpft, da diese in China und Korea unter den dortigen Produktionskosten eingekauft werden können. So werden Überproduktionen abgebaut, aber auch Konkurrenten vom Markt gewischt. Ist dies geschehen, werden die Preise wieder erhöht. Die EU unterdrückt das Prozedere seit Jahren durch Importzölle oder Anti-Dumping-Massnahmen. Im Vergleich zu den USA gehen die Europäer jedoch nur gegen einzelne Produkte (etwa nahtlose Edelstahlrohre) oder Staaten vor und begründen dies auch entsprechend. Trump rechtfertigt seine umfassende Massnahme mit „nationaler Sicherheit“ und geht gegen alle vor.

Hier ein kurzer Blick auf das Stahlimport-Ranking der USA nach Herkunftsländer (Zahlen: Census Bureau 2023): †Kanada: 6.885.000 Tonnen, Mexiko: 4.184.000 Tonnen, Brasilien: 3.942.000 Tonnen, Südkorea: 2.637.000 Tonnen, … ††Deutschland folgt auf Platz 6., China erst auf Platz 7.! Damit ist klar nachgewiesen, dass Trump nicht China an den Kragen will, er schädigt also vornehmlich die Handelsbeziehungen zu Verbündeten! Soll heissen, er will dadurch mehr rausholen. Und das hat wahrlich nichts mit der nationalen Sicherheit zu tun – auch wenn die Stahlindustrie in den USA schlecht dasteht – das aber ist hausgemacht!

Damit die EU dauerhaft hiervon ausgenommen wird, verlangen die USA noch mehr:

– Einfrieren der EU-Stahlexporte in die USA auf dem Niveau von 2017

– Erhöhung der Antidumping-Abgaben auf chinesischen Stahl

– Erfüllung der vereinbarten Rüstungsanstrengungen

Mein lieber Schorle – jetzt will Trump seine Waffengier auch in Europa durchsetzen!!!

Im Jahr 2018 schlug EU-Ratspräsident Donald Tusk von sich aus ein Frei-handelsabkommen wie TTIP mit den USA vor. Gottlob war dies nicht notwendig, hätte es doch den erneuten Start des ganzen Brimboriums bedeutet – mit noch höheren Auflagen durch die USA als damals bei den originalen TTIP-Verhandlungen. Und stets der Drohung im Hintergrund, dass die Stafzölle ja auch auf Europa ausgedehnt werden können. Diese Erfahrung machte 2018 auch die damalige EU-Handelskommissarin Cecilia Malmström nach Ihrem ersten vierstündigen Gespräch mit dem US-Handelsbeauftragten Robert Lighthizer in Brüssel. Die Regierung Trump zeige mangelhaftes Entgegenkommen. Wieso hat Mr. Trump dann 2018, kurz vor der Deadline einen Zoll-Interruptus gemacht??? Und dass derartige Abkommen nur beschriebenes Papier sind, zeigte der US-Präsident ja vor Jahren schon am Beispiel Aluminium aus Brasilien Das Land am Amazonas gehört ebenso zur FTAA!

Nach unterschiedlichen Krisen-Treffen der europäischen Politiker aller Ebenen wurde eine deutliche Antwort auf die Handelspolitik der USA versprochen. Trump meinte einst, dass Handelskriege „gut und leicht zu gewinnen“ seien! Anderer Meinung war damals schon die US-Handels-kammer:

„Zölle könnten zu einem zerstörerischen Handelskrieg mit ernsten Konsequenzen für das US-Wirtschaftswachstum und die Schaffung von Arbeitsplätzen führen!“

(Thomas Donohue, Präsident der US-Handelskammer)

Derselben Meinung ist man auch heute beim Kieler Institut für Welt-wirtschaft (IfW):

„Auch wenn die Autoindustrie global sehr sichtbar ist und ein Zollsatz von 25 Prozent im historischen Vergleich sehr hoch ist – außerhalb Nordamerikas bleiben die gesamtwirtschaftlichen Effekte überschau-bar!“

(IfW-Ökonom Julian Hinz, Professor für Internationale Volkswirtschafts-lehre an der Universität Bielefeld).

Trump schneidet sich damit ins eigene Fleisch: Unzählige Produkte werden in den USA durch die Strafzölle im allgemeinen teurer werden, die Inflation steigen und die Konjunktur sinken.

„Wenn die USA ihr Handelsdefizit reduzieren wollen, müssen sie die Amerikaner dazu bringen, härter zu arbeiten. Und sie müssen Reformen in Einklang mit der internationalen Marktnachfrage durch-führen, statt den Rest der Welt aufzufordern, sich zu ändern.“

(Leitartikel in der chinesischen Zeitung Global Times)

Die eigentlichen Pläne des Präsidenten: Das Handelsbilanz-Defizit mit China soll um rund 100 Milliarden Dollar reduziert werden (derzeit bei -295,4 Mrd. $). Deutschland etwa hat ein Handelsbilanzplus von 16 Mrd. Euro im Januar 2025 – das hat den Neid des Präsidenten geweckt. Doch: Trump wird sich nicht nur an China, sondern auch an der EU und Kanada die Zähne ausbeissen. Die Volksrepublik war 2017 mit nicht weniger als 636 Milliarden US-Dollar Einfuhren der wichtigste Handelspartner der Vereinigten Staaten. US-Exporte nach China erreichten gerade mal 375 Milliarden. Während zuletzt die chinesischen Exporte abflachten (nurmehr 3,2 %), legten die Importe um 6,5 % zu (Stand: Juli 2024). Somit arbeitet auch das Reich der Mitte an ein Handelsbilanzdefizit!

Aus der EU-Kommission heisst es, dass für die Einfuhr von US-Waren in die EU im Schnitt 3 % Zölle verlangt werden, die USA liegen bei 2,4 %. Damit hat Trump also die Rechtfertigung für seine Pläne verloren! Zu laut gebrüllt Löwe. Und wenn die Amis nun mehr für das von Ihnen heiss geliebte Red Bull bezahlen müssen, da das Aluminium der Dosen höher verzollt wird, fällt das ja auch wieder auf den kleinen US-Bürger zurück! Vorher besser kundig machen!!!

Lesetipps:

.) The Globalization Paradox – Why Global Markets, States, and Democracy Can’t Coexist; Dani Rodrik; Oxford University Press 2011

.) Internationale Wirtschaft – Theorie und Politik der Außenwirtschaft; P. R. Krugman/M. Obstfeld; Pearson Studium 2006

.) Volkswirtschaftslehre 2; Werner Lachmann; Springer-Verlag 1995

.) Makroökonomie; Olivier Blanchard/Gerhard Illing; Pearson Studium 2006

.) Auf Kosten der Freiheit: Der Ausverkauf der amerikanischen Demokratie und die Folgen für Europa; Josef Braml; Bastei Lübbe 2016

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Pollenallergie – ein Leben wie im Schlaf

Vor zwei Wochen hatte ich die bislang schwersten Tage dieses Jahres zu überstehen. Der Grund: Der Flug der Birkenpollen! Rote tränende Augen, rinnende Nase, Niesattacken und ständiger Husten aufgrund eines kratzenden Halses – nicht gerade sehr erquickend in der schönsten Zeit des Jahres, wenn die Natur in all ihrer Schönheit erwacht. Dabei hatte ich als Kind keinerlei Probleme damit – kam erst mit einem gewissen Alter. Doch warnen Forscher davor, die allergische Rhinitis nicht ernst zu nehmen.

Erwiesen ist etwa bereits der Umstand, dass Allergiker in der Schule oder bei der Arbeit mit einem Leistungseinbruch rechnen müssen (Schlaf-losigkeit mit Tagesmüdigkeit, verminderte Konzentration- und Lern-fähigkeit). Daneben ist inzwischen auch klar, dass sich Asthma bronchiale, das durch eine Pollenallergie ausgelöst wird, zu einer chronischen Erkrankung mit Atemnot entwickeln kann (bei rund 50 % der Heuschnupfen-Erkrankten innerhalb von fünf bis 15 Jahren). Zudem können sich die Nasennebenhöhlen entzünden und ein chronischer Husten entstehen. Auch ein anaphylaktischer Schock kann nicht ausge-schlossen werden.

Am 24. Juli 1906 veröffentlichte Clemens von Pirquet, ein Arzt aus Wien, einen Artikel in der Münchner Medizinischen Wochenschrift. Er beschrieb darin als erster das Krankheitsbild, das er als „Allergie“ bezeichnete. Heute zählt die Pollenallergie, ebenso wie etwa die Neurodermitis, zu den „atopischen Erkrankungen“. Die Allergieneigung wird vererbt, wobei Schadstoffe in der Luft die Heftigkeit der Erkrankung verstärken können. Nach Schätzungen der „Europäischen Stiftung für Allergieforschung“ (ECARF) leiden mehr als 30 % der europäischen Bevölkerung an einer Pollenallergie (20 Mio in Deutschland, in Österreich rund 16 %). Tendenz: Steigend! Der dadurch verursachte volkswirtschaftliche Schaden beläuft sich auf rund 100 Milliarden €.

Der Heuschnupfen ist eine Abwehrmassnahme des Körpers auf Pollen, die entweder durch den Wind oder Insekten in der Luft verbreitet werden. Dabei können sie über hunderte Kilometer hinweg verfrachtet werden. Vor allem Getreide- und Gräserpollen, aber auch Birken-, Hasel- und Erlenpollen machen dabei im Frühjahr so manchem Menschen das Leben erdenklich schwerer – im Herbst ist es vornehmlich Ragweed (Wilder Hanf). Diese Unkrautart gedeiht zwar nicht in Deutschland oder Öster-reich, da sie mehrere lange Wärmeperioden benötigt, die Pollen werden jedoch aus den USA importiert oder gelangen durch den Wind in’s Land. Während Gräser für etwa acht Pollen pro Kubikmeter Luft verantwortlich sind, können es bei Ragweed bis zu 156 sein! Doch auch das Beifuß-blättrige Traubenkraut könnte nach einer Studie aus dem Jahr 2016 (erschienen in „Environmental Health Perspektiven“) zum großen Problem werden – die Zahl der Betroffenen könnte alleine in Europa von damals 33 auf etwa 77 Millionen steigen – vor allem in Ländern wie Deutschland, Frankreich und Polen.

An sich ungefährlich, unterscheidet jedoch der Körper zwischen gefähr-lichen Krankheitserregern und diesen Pollen nicht und fährt deshalb das Immunsystem mit all seinen Erscheinungsmassnahmen hoch um den Eindringling abzuwehren. Verantwortlich dafür zeichnen Eiweiße an der Oberfläche der Pollen (Allergene). Auch Erreger wie Viren bestehen aus Eiweißen, weshalb der Körper mit der Produktion von Antikörpern reagiert. Diese wiederum regen die sog. „Mastzellen“ in den Schleim-häuten an, Entzündungsstoffe wie Histamin freizusetzen. Das führt zum Anschwellten, der Rötung und dem Juckreiz der Schleimhäute.

Sehr problematisch sind sog. „Kreuzallergien“, bei welchen der Betroffene auf Pollen und dadurch auch auf verschiedene Nahrungsmittel immu-nologisch reagiert. Birkenpollen-Allergiker können somit ebenfalls auf Äpfeln, Kirschen, Haselnüssen und Pfirsichen reagieren.

Um den Heuschnupfen von einem Infekt (Erkältung) zu unterscheiden, sollte das Nasensekret genau begutachtet werden. Bei der Erkältung zeigt sich dieses gelblich, während es beim Heuschnupfen klar und wässrig ist. Die Allergie gegen die Ausscheidungen der Hausstaubmilbe hingegen führen vornehmlich zur Verengung der Atemwege („Obstruktion“).

In der Behandlung gilt die Drei-Säulen-Therapie:

– Vermeiden der Allergieauslöser

– Medikamente wie Antihistaminika zur Linderung der Symptome

– Immuntherapie zur Hypo- oder Desensibilisierung

Durch die Therapie kann das Risiko auf Asthma bronchiale („Etagen-wechsel“ von den oberen Atemwegen in die Lunge) auf 10-20 % gesenkt werden.

Allerdings erleichtern auch einige selbst durchgeführte Massnahmen das Leben etwas:

– Aufenthalt im Freien an Tagen mit starkem Pollenflug meiden – †Besonders gut sind Spaziergänge nach kräftigem Regen

– Rasen kurz halten – †Stets vor seiner Blüte mähen.

– Pflanzen Sie Lippenblütler wie Lavendel oder Salbei an – †Sie besitzen im Vergleich zur Birke oder der Haselnuss keine oder nahezu keine Pollen

– Fenster (auch im Auto) zum Lüften nur an belastungsarmen Tagen öffnen – †Ein Pollenfilter kann ansonsten helfen

– Gewaschene Wäsche nicht im Garten zum Trocknen aufhängen – †Die Pollen bleiben an der noch feuchten Wäsche kleben und werden so in’s Haus getragen

– Sonnenbrillen – †Viele der Pollen landen im Auge. Hier sortiert keine Schleimhaut vor, sie prallen direkt auf die Bindehaut und verursachen dadurch eine allergische Bindehautentzündung

– Tägliche Dusche und Haarewaschen – †Auch dabei geht es darum, die anhaftenden Pollen los zu werden – vor allem vor dem Schlafengehen

– Getragene Bekleidung nicht im Schlafzimmer lagern

– Hören Sie mit dem Rauchen auf – †Rauchen verschlechtert den Zustand der Schleimhäute im Mund- und Rachenbereich bzw. der Nase

Ab einer Seehöhe von 1.500 m bzw. am Meer fliegen die wenigsten Pollen. Glücklich also jene Menschen, die ihren Urlaub während der drei Blüteperioden dort verbringen können:

.) Blüteperiode 1

Zwischen Februar bis April blühen vornehmlich die Bäume. Dabei dauert die lästige Birkenperiode von Mitte März bis Mitte April an.

.) Blüteperiode 1

Zwischen Februar bis April blühen vornehmlich die Bäume. Dabei dauert die lästige Birkenperiode von Mitte März bis Mitte April an.

.) Blüteperiode 2

Zwischen Mai und Juli blühen hauptsächlich die Gräser und das Getreide – beide sind botanisch miteinander verwandt

.) Blüteperiode 3

Zwischen Juli und September blühen die Kräuter, wie auch Beifuß und Ragweed

Für die Anamnese durch den Arzt ist ein geführtes Allergie-Tagebuch sehr hilfreich. Notieren Sie dabei die Symptome (Art, Dauer und Schwere), die Ernährung und etwaige Umwelteinflüsse. Dadurch lässt sich unter Herbeiziehung des Pollenflugkalenders das Allergen auch ohne Allergie-test erkennen. Dieser ist bei einer ärztlichen Diagnose hingegen unab-dingbar. Er setzt sich aus sog. „Provokationstests“ sowie der Abnahme von Blut zusammen. So weisen beispielsweise Allergiker einen erhöhten Immunglobinwert (IgE) auf, ein spezieller Antikörper, der zur Bekämpfung der Allergene gebildet wird. Beim Provokationstest (Hauttests wie etwa der Pricktest) werden Lösungsmittel mit den entsprechenden Allergenen auf die Haut getröpfelt und mit einer Nadel in diese eingeritzt. Durch die Rötung der Haut oder einer Quaddelbildung lässt sich das entsprechende Allergen ausfindig machen.

In der anschliessenden „Hyposensibilisierung“ (auch „Spezifische Immun-therapie“ SIT) wird dem Körper eine ständig steigende Dosis des Aller-gens verabreicht, sodass sich dieser langsam daran gewöhnt und mit keiner starken immunologischen Abwehr reagiert. Nur diese Massnahme bekämpft die tatsächliche Ursache. Die Therapie wirkt meist für rund 11 Jahre.

†Medikamentös werden alsdann nur die Symptome, nicht jedoch die Ursache selbst behandelt. So helfen Antihistaminika oder Mastzell-stabilisatoren gegen die Produktion des Histamins. Die können als Tabletten, Nasensprays oder auch Augentropfen eingeführt werde. Mittel gegen die Anschwellungen, wie Sympathomimetika oder Glukokortikoide, sollten hingegen nur für einen kurzen Zeitraum verwendet werden, da sie etwa die Nasenschleimhäute schädigen oder zu Diabetes mellitus führen.

Bleiben Sie gesund!

ACHTUNG:

Dieser Text dient nicht der Selbstbehandlung. Bei Heuschnupfen sollte auf jeden Fall der Hausarzt hinzugezogen werden!

Lesetipps:

.) Angewandte Allergologie; Johannes Ring; MMV Medizin Verlag 2003

.) Pollenallergie erkennen und lindern; Katharina Bastl, Uwe E. Berger; Manz 2015

.) Das Anti-Heuschnupfen Protokoll: Anleitung zur Ernährungsum-stellung, Darmsanierung und Entgiftung: Für ein Leben ohne Pollen-allergie, Allergie Tabletten und Nasenspray; Christian Kollitsch;‎ Independently published 2018

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Des Deutschen liebste Knolle – die Kartoffel

Ob als Salz-, Brat- oder Pellkartoffel, als Knödel (Klösse), Salat, Pommes oder in der eidgenössischen Rösti-Version – auch die Österreicher und Schweizer schwören auf die Erdfrucht. Manche zudem in Alkohol-Form (Wodka oder Aquavit) oder als Futtermittel.

Dabei stammt die Kartoffel eigentlich gar nicht aus Europa. Auf der Insel Chiloé fand man die ältesten Spuren – vor rund 13.000 Jahren. Weitere Landsorten wurden in den Anden (Argentinien, Bolivien, Chile, Peru und Venezuela entdeckt. Nach Europa kam sie vermutlich über die Kanarischen Inseln im 16. Jahrhundert. In Deutschland erfolgte der erste Anbau unter Ferdinand III. im Jahr 1647 in Oberfranken, in Österreich erschien bereits 1621 in Linz ein Kochbuch mit Kartoffelrezepten, geschrieben vom Benediktinerabt Caspar Plautz.

Die Kartoffel (Solanum tuberosum) gehört zur Familie der Nacht-schattengewächse und ist eigentlich giftig! 2022 wurde sie zur Giftplanze des Jahres gewählt, giftig allerdings sind nur die grünen Teile und die Keimlinge, die keinesfalls gegessen werden sollten. Die Knolle ergrünt bei Tageslicht – verantwortlich dafür zeichnen vornehmlich die beiden Glykoalkaloide Solanin und etwas weniger Chaconin. In rohem Zustand ist die auch als Grund- oder Erdbirne bzw. Tüffke bezeichnete Pflanze unge-niessbar.

Alleine in Deutschland wurde 2024 eine Rekordernte von 12,7 Mio Tonnen gefeiert; in Österreich waren es 693.642 to, in der Schweiz 359.600 to im Jahr davor. Weltweit sind es rund 370 Millionen Tonnen – hört, hört: Der grösste Produzent ist einmal mehr China! Damit ist die Kartoffel, von der es rund 7.000 Sorten gibt, eines der wichtigsten Nahrungsmittel. Durchaus verdient somit auch das durch die Generalver-sammlung der Vereinten Nationen erklärte Internationale Jahr der Kartoffel 2008. Und nun hat eine Studie zudem bewiesen, dass die Kartoffel ausserdem noch sehr gesund ist. Forscher aus Norwegen haben in einer Langzeitstudie über den Zeitraum von 33,5 Jahren nachgewiesen, dass jene Probanden, die regelmässig zur Kartoffel griffen, ein geringeres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und somit auch eine höhere Lebenserwartung vorzuweisen hatten. Über 77.000 Personen haben sich an dieser wissenschaftlichen Untersuchung beteiligt. Sie haben während des Studienzeitraumes pro Woche im Schnitt 13 Kartoffeln gegessen. Veröffentlicht wurde die Studie im ”Journal of Nutrition”. Allerdings ist die Zubereitung ein ganz entscheidender Faktor. In Norwegen werden Kar-toffeln vornehmlich gekocht. Damit dürfte dies auch die beste Anwen-dung sein. Gekochte Kartoffeln weisen einen niedrigen glykämischen Index auf – das bedeutet, dass die Glukose nur langsam an den Blut-kreislauf weitergegeben wird (Traubenzucker beispielsweise marschiert unmittelbar als Blutzucker weiter). In diesem Zusammenhang spricht man auch von ”guten Kohlenhydraten”. Dies sind langkettige Kohlenhydrate, die längere Zeit verdaut werden müssen. “Schlechte Kohlenhydrate” finden sich etwa in zuckerhaltigen Snacks und Speisen, die die Glukose rasch an den Blutkreislauf weiterleiten, dabei nur kurzfristig sättigen und danach einen Heisshunger hervorrufen. Ferner ist die Kartoffel auch sehr nährstoffreich. Sie enthält viele Ballaststoffe, Kalium und Vitamin C und viele andere Mineralstoffe und Vitamine bzw. Provitamine.

Alsdann verfügen die Kartoffeln über rund 80 % Wasseranteil und nur wenigen Kalorien. Das ist etwa beim Reis oder den Nudeln nicht der Fall. Deshalb eignen sich die Erdäpfel auch für Diäten.

Wie nun können all diese Vorzüge in der Kartoffel erhalten werden? Die Schale schützt die Inhaltsstoffe. Deshalb stets ungeschält kochen oder noch besser dämpfen. Gilt im Übrigen für jedes Gemüse! Dabei bleiben besonders die Vitamine und Mineralstoffe am besten erhalten.

All diese Vorzüge gelten nicht für Pommes oder Chips – sie enthalten durch das Frittieren sehr viel Fett!

Zum Thema Süsskartoffel (Ipomoea batatas): Der lateinische Ausdruck deutet bereits darauf hin, dass die beiden Pflanzen nicht miteinander verwandt sind. Vielmehr hat die Süsskartoffel ihren Namen aufgrund des ähnlichen Aussehens und Verwendung.

Na denn – Mahlzeit!!!

Lesetipps:

.) Landtechnik; Horst Eichhorn; Ulrmer 1999

.) Praktische Einführung in die Pflanzenmorphologie – Teil 1; Wilhelm Troll; Gustav Fischer Verlag 1954

.) Spezieller Pflanzenbau; Hrsg.: Klaus-Ulrich Heyland; Ulmer 1996

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Das Märchen von der Gleichberechtigung

Der 08. März wird alljährlich als “Internationaler Weltfrauentag” gefeiert! Leider ist er heute wichtiger denn je – doch dazu gleich mehr.

1908 in den USA eingeführt, setzte er sich schon recht bald weltweit durch. Ursprünglich am 19. März, wurde er später auf den 08.03. vorverlegt. Dieser Tag soll an die Ungleichheit und Gewalt gegen Frauen erinnern und die Gleichberechtigung der Geschlechter einfordern. Eigentlich beschämend, heisst es doch in den meisten demokratischen Verfassungen, dass alle Menschen gleich sind – nicht nur vor dem Gesetz. Das war und ist nicht überall der Fall – auch bei uns nicht. Frauen-rechtlerinnen (und nicht nur diese!) kämpfen nach wie vor um die Gleich-stellung. Ein Blick zurück in die Geschichte:

Erst 1918 wurde in Österreich das allgemeine Wahlrecht für Frauen eingeführt, in deutschen Landen zu Beginn des Jahres 1919. In Neuseeland, Australien und Finnland etwa war es zu diesem Zeitpunkt bereits selbstverständlich – in Neuseeland beispielsweise seit 1893! Die Schweiz war naturgemäss etwas langsamer – 1971 bundesweit, in einigen Kantonen sogar noch später. So bedurfte es eines Bundesgerichts-entscheides, dass Frauen im Kanton Innerrhoden-Appenzell ab 1990 zur Wahlurne schreiten durften – entgegen eines Mehrheitsentscheides der Männer.

In Mitteleuropa wurde seither viel erreicht, doch bewegt sich die Politik leider wieder zurück. So fordern die vielen Rechtsaussen-Parteien die Rückkehr der Frauen an den heimischen Herd. Nichtsdestotrotz – wirtschaftlich und finanziell muss noch vieles getan werden. Dies zeigt der Global Gender Gap-Report des Weltwirtschaftsforums jedes Jahr von neuem auf. In dieser Studie werden die Unterschiede im Einkommen für die gleiche Arbeit zwischen Mann und Frau in 150 Ländern dieser Erde dargestellt (Verdienstabstand – “Gender Pay Gap”). Nach Angaben der Statistik Austria verdienten im Jahre 2023 Frauen in der Privatwirtschaft im Alpenland um 18,3 % pro Stunde brutto weniger als ihre männlichen Arbeitskollegen. Gottlob verringert sich dies: So waren es 2013 noch 4 % mehr. In Deutschland belief sich dieser Gender Pay Gap 2024 nach Angaben des Statistischen Bundesamtes auf 16 % (auch hier ein Minus von 2 % gegenüber des Vorjahres). In der Schweiz waren es nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 2022 9,5 %. Ein paar Vergleiche aus der EU (ebenfalls aus dem Jahr 2022!):

Lettland 19 %

Rumänien 4 %

Italien 2 %

An diese ungleichen Einkommensverhältnisse soll auch der “Equal Pay Day” (EPD) hinweisen. In Deutschland heuer am 07. März, in Österreich am 25. Februar – allerdings von Bundesland zu Bundesland unterschied-lich: In Wien etwa am 16. Januar, in Vorarlberg am 14. März. Doch was bedeutet dieser ganz besondere Tag, der inzwischen in nahezu jedem Land der westlichen Hemisphäre als Mahndatum gelten soll? In Österreich gar zweimal – in der islamischen Welt hingegen undenkbar!

Der „Equal Pay Day“ ist in diesem Falle jener Tag, bis zu dem Frauen statistisch gesehen im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen kostenlos arbeiten. Es gibt auch eine Herbstversion – hier lautet dies: Ab dem Frauen kostenlos bis Jahresende ihrem Brotjob nachgehen. Männer haben also nach wie vor mehr Geld auf dem Lohnzettel stehen als ihre Kolleginnen mit vergleichbarer Qualifikation in vergleichbaren Jobs! Hallo? Wir schreiben das Jahr 2025!!!

Dieser Missstand ist auch als „Geschlechter-Gehaltsschere“ bekannt. Der EU-Indikator lag 2023 bei 12 %!

https://ec.europa.eu/eurostat/statistics-explained/index.php?title=Gender_pay_gap_statistics

Eine Schande für reiche Industriestaaten, die eigentlich diesen Gleich-heitsgrundsatz jeweils in der Verfassung/dem Grundgesetz verankert haben.

Dass gar nichts getan wird, stimmt nicht: Es wird zu wenig und zu lang-sam für gleiche Bezahlung unternommen!

“Lohndiskriminierung ist ungerecht und schwächt unsere Gesellschaft als Ganze. †Lohngleichheit zwischen Frauen und Männern ist ein zentrales Verfassungsversprechen, das es endlich einzulösen gilt.”

(Alain Berset, Generalsekretär des Europarates)

Der Equal Pay Day wurde bereits 1966 in den USA eingeführt; organisiert durch das „National Committee on Pay Equity“ (NCPE), dem unter-schiedliche Frauenorganisationen, die Gewerkschaften uvam. angehören. Der Hintergrund: Damit sollte, drei Jahre nach dem Beschluss der Gleich-behandlung durch die US-Regierung, auf die ungerechte Ungleich-behandlung der Frauen, insbesondere aber der afro-amerikanischen Frauen hingewiesen werden. Auf dem europäischen Kontinent waren 3.800 Frauen im belgischen Herstal die ersten: Sie legten am 16. Februar 1966 ohne Vorwarnung die Arbeit nieder. Eigentlich sollte der Streik nur einen Tag lang dauern – daraus wurden aber 12 Wochen. 2007 folgte Deutschland mit der “Red Purse Campaign” nach Vorbild der USA, wonach mit roten Taschen auf die Ungleichbehandlung am Arbeitsplatz hingewiesen werden sollte, ein Jahr später kam der EPD. Die Eidgenossen setzten ihn erstmals 2009 fest – dort trat am 01. Juli 2020 ein Gesetz zur besseren Durchsetzung der Lohngleichheit in Kraft. In Österreich wurde der Equal Pay Day erstmals im Jahr 2010 berechnet (ein Jahr später auf Initiative der EU-Kommission in Europa) – damals lag er beim 29. September, 2022 beim 30. Oktober – 2024 beim 01. November. Diese auf der nationalen Einkommensdifferenz berechnete Zahl wird vom Jahr abgezogen – ob hinten oder vorne ist eigentlich gleichgültig. Hinten jedoch erweckt einen sensibleren Eindruck! Am 06. Juni 2023 trat eine neue EU-Richtlinie in Kraft, die bis 2026 derartige Lohnunterschiede transparenter machen und damit abschaffen soll. Definiert werden alsdann “gleiche” und “gleichwertige” Arbeit. Enthalten ist zudem die Pflicht zu Einkommensberichten (auch in kleineren Unternehmen) und eine Aufschlüsselung der durchschnittlichen Gehälter. Arbeitnehmer-Vertretungen fordern die sofortige Umsetzung der Richtlinie – nicht so eilig hingegen haben es naturgemäss die Arbeitgeber.

Die Ursachen für diese Ungleichbehandlung sind vielfältig: Frauen leisten mehr unbezahlte Arbeit als Männer (Haushalt, Kindererziehung, Ehrenamt,…), haben zumeist eine geringfügige oder Teilzeit-Beschäftigung (“Care-Beschäftigung” für die Familie), arbeiten oftmals in Niedriglohn-Branchen, haben schlechtere Aufstiegschancen, erhalten tatsächlich ein geringeres Gehalt, …!

Was kann veranlasst werden? Neben dem Meinungswechsel der Chefs bedarf es auch eines Ausbaus von Kinderbetreuungs-Einrichtungen, Ganztags-Schulen etc., sodass Frauen nach der Karrenz wieder in’s Berufsleben einsteigen bzw. Vollzeit arbeiten können. Die Handhabung der letzten Jahrzehnte führt automatisch im letzten Lebensabschnitt vieler Frauen zur Altersarmut. Davon sind vor allem alleinstehende Frauen betroffen.

Den verantwortlichen Sozialpolitikern der DACH-Länder sei deshalb etwa Island an’s Herz gelegt: Verpflichtende Papa-Karenz, Wochenends- und Nacht-Kitas (für die Schichtarbeiter) und nahezu gleiches Gehalt bei gleicher Arbeit für Frau und Mann per Gesetz. Island lag übrigens 2024 im EU-Gehaltsscheren-Vergleich bei 9 %.

Doch neben diesen wirtschaftlichen Unterschieden sollte man sich nicht nur am Weltfrauentag vor allem über die Themen Femizide und Gender-Medizin Gedanken machen. Der 08. März ist also nicht wirklich ein “Feiertag”, sondern vielmehr ein “Mahntag”!

Lesetipps:

.) Gender Pay Gap – Vom Wert und Unwert von Arbeit in Geschichte und Gegenwart; Hrsg.: Rainer Fattmann; Dietz 2023

.) Arbeit, Entlohnung und Gleichstellung in der Privatwirtschaft; Hrsg.: Hans-Böckler-Stiftung; edition Sigma 2010

.) Frauen auf dem Sprung. Wie junge Frauen heute leben wollen. Die Brigitte-Studie; Pantheon 2009

.) Sieben Jahre Equal Pay Day – Eine Forderung wird zur Kampagne; Hrsg.: BPW Germany; BWV Berliner Wissenschafts-Verlag 2015

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Artensterben – so schafft sich die Menschheit selbst ab

„Der Mensch verursacht gerade das größte globale Artensterben seit dem Verschwinden der Dinosaurier!“

(Eberhard Brandes, WWF-Deutschland)

Während sich die Politiker auf der ganzen Welt noch streiten, ob es denn nun einen Klimawandel gibt, ob dieses oder jenes Mittelchen gesund-heitsgefährdend oder wer für den ganzen Schlamassel verantwortlich ist, hat das stille Sterben schon längst begonnen. Ich befasste mich an dieser Stelle bereits mit dem Sterben alter Arten und der Insekten – nachdem ich jedoch immer wieder hören muss, dass mein Gegenüber im Gespräch das nicht gewusst hat oder dachte, dass es nicht so schlimm ist, möchte ich anlässlich des diese Woche beendeten „Weltnaturgipfels“ (Biodiversitäts-konferenz COP 16) in Rom nochmals mit aller Vehemenz betonen, dass für viele Arten ein „Zurück“ zu spät ist. Der deutsche NABU weist darauf hin, dass aufgrund der „Lebensraumzerstörung, Landnutzungswandel, Umweltverschmutzung, Klimaänderung und der Verbreitung invasiver Arten“ das Artensterben derzeit um 1.000 mal grösser ist als biologisch normal.

Bis zu 58.000 Tierarten verschwinden derzeit pro Jahr. Ich überlasse es gerne Ihren Rechenkünsten: Gegenwärtig gibt es noch 5 bis 9 Millionen – weltweit. Am wohl eklatantesten wirkt sich die Rodung des Regenwaldes aus. Satelliten-Messungen haben ergeben, dass alleine im Jahr 2023 weltweit 37.000 Quadratkilometer nahezu unberührter Regenwald gerodet wurden. Im Waldbericht der FAO (State of the Worlds Forest 2020) ist von 4,2 Mio Quadratkilometern zwischen 1990 und 2020 die Rede (nicht nur Regenwald!) – die Fläche Deutschlands mal 12!!! Die meisten Regenwald- Bäume wurden für Palmölplantagen gefällt! Dadurch geht nicht nur ein wichtiger Teil der grünen Lunge unseres Planeten verloren! Unzähligen Tierarten wie Säugern, Vögeln, Insekten, Amphibien etc. wird damit auch der natürliche Lebensraum genommen. Sie werden schlichtweg ausgerottet. So etwa auf der Insel Borneo. Den Palmölplantagen fiel nahezu der gesamte Regenwald zum Opfer – übrig blieb nur der Lambir-Hills-Nationalpark im Westen der Insel. Zogen früher unzählige grosse Schildhornvögel hier ihre Flugrunden, so sind nurmehr ganz wenige davon heute noch zu beobachten. Auch Flughunde oder Gibbons wird man vergeblich suchen. Derzeit gibt es dort nurmehr Tiere mit einem geringeren Gewicht als einem Kilogramm – sie finden in dem Park noch Nahrung. Dabei war der Wald über Jahrzehnte hinweg eine der artenreichsten Regionen dieser Erde. Oder: In den latein-amerikanischen (Süd- und Mittelamerika) Regenwälder leben rund 70 % aller Tier- und Pflanzenarten dieser Erde. Die Rodung v.a. des Ama-zonas-Regenwaldes nimmt erschreckende Ausmaße an!

„Die Belege sind unbestreitbar: Die Zerstörung der Artenvielfalt und der Ökosysteme hat ein Niveau erreicht, das unser Wohlergehen mindestens genauso bedroht wie der durch den Menschen verursachte Klimawandel.“

(Robert Watson, IPBES)

Über das grosse Insektensterben, nachgewiesen durch die Studie des Entomologischen Vereins Krefeld, in dem die Biomasse der in Natur-schutzgebieten in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Branden-burg fliegenden Insekten über 27 Jahre hinweg erfasst wurde, habe ich an dieser Stelle bereits berichtet!) – auch Vögel finden keine Nahrung mehr. Kurz angeschnitten habe ich zudem die Korallen im Blog zum Anstieg des Meeresspiegels. Dies wurde nun auch wissenschaftlich aufgezeigt: In der Studie der University of Queensland/Australien heisst es, dass das Great Barrier Reef immer mehr abstirbt: 2024 wurde eine Sterblichkeitsrate von bis zu 72 Prozent aufgezeigt! Verantwortlich dafür zeichnet haupt-sächlich das Ausbleichen der Steinkorallenstöcke („Korallenbleiche“). Die Korallen geben Algen ab – zurück bleibt ein weisses Kalkskelett.

Experten sprechen in diesem Zusammenhang von einer „ökologischen Krise“. Wälder als immens wichtiger Wasserspeicher fallen der Axt zum Opfer, Feuchtgebiete werden trocken gelegt, Grünflächen versiegelt. Durch den Klimawandel gibt es vermehrt trockenere und heissere Sommer und wärmere, frostarme Winter. Eigentlich wären wir alle auf das dort gespeicherte Wasser angewiesen.

Im Jahre 2010 wurde der „Strategische Plan für Biodiversität 2011-2020“ von mehr als 190 Ländern dieser Erde unterzeichnet. Das Überein-kommen über die biologische Vielfalt (Convention on Biological Diversity CBD) ist eigentlich verbindlich und hätte zu mehr Naturschutz und nach-haltiger Nutzung der natürlichen Ressourcen führen sollen. Geschehen ist freilich nicht wirklich viel. Letzte Ernüchterung etwa brachte die Vogel-zählung des NABUs in diesem Winter in Deutschland: Weniger Spatzen, Meisen und Amseln! Bei letzteren gab es gar ein Minus von 18 %. Immer weniger Vögel und immer weniger Arten!

Dabei werden in diesem Plan die 20 Handlungsziele bis 2020 („Aichi-Ziele“ der 10. Bioviversitätskonvention von 2010 in Nagoya) im Bericht zur Tagung dezidiert aufgezählt, wie etwa:

  • Halbierung des Verlustes von natürlichem Lebensraum
  • Stopp der Überfischung
  • Schutz von 17 % Land- und 10 % Meeresfläche
  • Widerstandsfähige Öko-Systeme
  • Einstellung umweltschädlicher Subventionen …

Heuer konnte kein wirklicher Kompromiss gefunden werden – obgleich der Konferenzpräsidentin Susana Muhamad aus Kolumbien mehrere Text-vorschläge vorlagen – einer gar von den BRICS-Staaten, welchen auch China und Russland angehören.

Nach wie vor werden Agrarsubventionen an industrielle Mastbetriebe vergeben, an Ackerbauern, die Glyphosat und Obstbauern, die Neonico-tinoide einsetzen. Nach Angaben des Pestizidatlases 2022 der Heinrich Böll-Stiftung wurden 30.000 Tonnen Pestizide alleine auf deutschen Äckern ausgebracht, in Österreich waren es 3424,1 Mio to, weltweit sind es jährlich rund 4 Mio to (30 Prozent davon Insektizide, nahezu 50 % Herbizide). Ja – so pervers es ist: Hierzulande ist die Landwirtschaft hauptverantwortlich für das Artensterben. Zu dieser Erkenntnis gelangte einmal mehr die Studie der „Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services“ (IPBES), die anlässlich der Biodiver-sitätskonferenz in Paris präsentiert wurde und unter Mitarbeit auch des deutschen Helmholtz-Zentrums für Umweltschutz in München entstand. Kritisiert werden von Experten auch an sich sinnvolle Projekte, wie Biogas-Anlagen. Insgesamt laufen derzeit 2.737 derartige Anlagen im Freistaat Bayern mit einer Leistung von nahezu 1.500 Megawatt. Zwischen 2005 und 2021 gab es insgesamt 523 Betriebsstörungen bei Biogas-Anlagen. Bei vielen davon wurden Gewässer teils derart schwer in Mitleidenschaft gezogen, sodass auf geraume Zeit jegliches pflanzliche, aber auch tierische Leben dort unmöglich ist. Nicht nur Fische wie etwa die Bachforelle sind auf gutes Wasser und intakte Flüsse angewiesen, auch die Insekten benötigen diese. Durch die Intensivlandwirtschaft kann sich zudem der Boden nicht mehr erholen, durch die Überdüngung mit Gülle werden viele Pflanzen und Tiere schlichtweg vergiftet. Und nun der Schock: Die Diversität intensiv-landwirtschaftlich genutzter Fläche und auch der mono-kulturellen Bebauung von Ackerflächen ist um bis zu 80 % niedriger als jene in Städten.

„Wir leben in einer Endzeit exponentiellen wirtschaftlichen Wachstums im begrenzten System Erde und verwandeln die vielfältige Welt in eine große einheitliche Fabrik. In eine Agrarfabrik, eine Fabrik-Fabrik, eine Wohn-Fabrik und eine Konsum-Fabrik in der zunehmend übersättigte Menschen immer unzufriedener werden.“

(Axel Mayer; Ex-Geschäftsführer BUND)

Apropos Gewässer: Nachdem die Fliessgeschwindigkeit sinkt, besteht die zunehmende Gefahr der Verschlammung der Bäche und Flüsse. Ganz zum Nachteil der sog. „Kieslaicher“, wie Bachsaibling, Äsche, Regen-bogenforelle oder den Neunaugen.

Während die IPBS-Konferenz im November in Kolumbien noch gescheitert ist, konnten sich die Telnehmer dieses Mal in Rom zumindest auf die Finanzierung einigen. Am Ende stand fest, dass die Industriestaaten für den Erhalt der Ökosysteme in ärmeren Ländern bereits ab heuer 20 Milliarden, ab 2030 dann 30 Milliarden Dollar bezahlen sollen. Die welt-weiten Ausgaben werden sukzessive steigen und bis 2030 mindestens 200 Milliarden Dollar ausmachen.

In den kommenden Jahrzehnten könnten zwischen 500.000 bis 1 Million Arten von unserem Planeten verschwinden. Wissenschaftler sprechen vom „6. Massiven Artenverlust“, und dies in solch rasender Geschwindigkeit wie nie zuvor. Der 5. Massive Artenverlust fand übrigens vor etwa 66 Millionen Jahren statt. Ursache damals war der Einschlag eines riesigen Asteroiden.

Dabei gab es bereits Warnungen: Im Jahr 2005 durch das Millennium Ecosystem Assessment der Vereinten Nationen beispielsweise. Hier wurde dringendst zu einer Umkehr geraten! Allerdings ist nichts geschehen.

Die Umweltorganisation WWF veröffentlicht in regelmässigen Abständen den Living Planet Report. Erschreckend das Ergebnis zum Artensterben: Seit 1970 gingen die Bestände an Wirbeltieren um mehr als 50 % zurück, in manchen Teilen Lateinamerikas sogar um nahezu 90 %. Auch bei den Wirbellosen (den Insekten etwa) sieht es nicht besser aus.

„Solange wir Tiere in Ökosystemen weiter als irrelevant für diese Grundbedürfnisse halten, werden Tiere die Verlierer sein.“

(Joshua Tewksbury, Direktor des Smithsonian Tropical Research Institute von der Rice University Houston/Texas in einem Fachartikel des Magazins „Science“)

Wie nun wirkt sich all das auf den Menschen aus? Ein Beispiel möchte ich Ihnen stellvertretend für viele weiteren nennen: Wird ein Acker oder eine Obstplantage aufgrund Insektizid-Einsatzes schädlingsfrei, werden auch die natürlichen Fressfeinde, wie Vögel oder andere niedrige Wirbeltiere weiterwandern oder zugrunde gehen. Dies kann aber zu einer Massen-vermehrung von Schädlingen führen, die die komplette Ernte zerstören können. Besonders gefährlich sind in diesem Zusammenhang zudem eingeschleppte Arten, sog. Neophyten und Neozoen, wie die Kirsch-essigfliege oder der Asiatische Marienkäfer, der eigentlich zur Schildlaus-bekämpfung geholt wurde, jedoch auch vor Weintrauben keinen Halt macht. Insgesamt wird die Zahl dieser nicht regionalen Eindringlinge auf nicht weniger als 12.000 Spezies geschätzt – rund 10 % der heimischen Arten. US-amerikanische Mathematiker und Biologen berechneten den ökonomischen Wert der Fressfeinde. Er beläuft sich auf nicht weniger als 4,5 Milliarden US-Dollar – jährlich!

Daneben gibt es grosse Auswirkungen bei der Bestäubung so mancher Pflanzen. Besonders pervers: Jene, die am meisten auf die natürliche Bestäubung durch Bienen, Hummeln etc. angewiesen sind, spritzen auch die meisten Insektizide! Lobend erwähnt sei in diesem Zusammenhang das Artenschutzgesetz Bayerns, das auf die Bürgerinitiative „Rettet die Bienen“ zurückzuführen ist. Was ausserhalb Bayerns offenbar unmöglich ist, wurde hier durch den dortigen Landtag sogar noch intensiviert, ausgebaut und per Gesetz verabschiedet. Nutzniesser davon sind natürlich die Honigbienen, allerdings in weitaus grösserem Umfang die Wildbienen und Schmetterlinge, falls es sie noch gibt!!!

Eines aber sollte sich jeder durch den Kopf gehen lassen: Wir alle brauchen die Natur! Wenn vielleicht auch nicht körperlich unmittelbar, so auf jeden Fall psychisch!!!

Filmtipps:

.) Darwins Alptraum; Hubert Sauber; F/ B/ AU, 2004

.) Menschen gegen Monster (3 Folgen); BBC 2005

Lesetipps:

.) Das Ende der Artenvielfalt; Wolfgang Engelhardt; Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2011

.) Nach der Natur: Das Artensterben und die moderne Kultur; Ursula K. Heise; Suhrkamp Verlag 2010

.) Das grosse Insektensterben – Was es bedeutet und was wir jetzt tun müssen; Andreas H. Segerer/Eva Rosenkranz; bekomm Verlag 2018

.) Die Menschheit schafft sich ab – Die Erde im Griff des Anthropozän; Harald Lasch/Klaus Kamphausen; Knaur 2018

.) Unsere Vögel: Warum wir sie brauchen, wie wir sie schützen können; Peter Berthold; Ullstein Hardcover 2017

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Bring‘ mir mal ’ne Flasche Bier, sonst sterb‘ ich hier!”

(Gerhard Schröder)

Als allererstes möchte ich heute mit einem alten Fehlglauben aufräumen:

“Wein auf Bier, das rat‘ ich Dir! †Bier auf Wein – lass‘ das sein!”

Ein wohl jeder kennt diese Binsenweisheit. Doch hat sie keineswegs mit der Verträglichkeit zweier alkoholischer Getränke zu tun – mischen ist immer schlecht. Nein, sie stammt aus dem Mittelalter und betraf den sozialen Wohlstand. Bier war das Getränk der Armen, Wein jenes der Reichen. Hatte es nun jemand geschafft, sich Wein leisten zu können, so sollte er auf seinen Wohlstand acht geben und nicht mehr zurückfallen! So – das lag mir schon lange auf dem Herzen – nun in’s Eingemachte!

Wasser, Malz, Hopfen und Hefe (Bayerisches Reinheitsgebot von 1516, verkündet am 23. April 1516 als Herstellungsvorschrift von Herzog Wilhelm IV. und seinem Bruder Herzog Ludwig X. im Schloss zu Ingolstadt – das älteste Verbraucherschutzgesetz der Welt) – und fertig ist des Deutschen und des Österreichers Lieblingsgetränk: Das Bier! Und doch schmeckt es so verschieden!!! Wirklich?

69,3 Millionen Hektoliter im Jahr 2023 – damit ist Deutschland noch vor Grossbritannien, Spanien und Polen der grösste Biermarkt Europas. 88 Liter pro Kopf – allerdings: Tendenz sinkend! Nach Angaben des Statis-tischen Bundesamt auch im 1. Halbjahr 2024 – und dies trotz Fuss-ball-Europameisterschaft (-0,6 Prozent gegenüber dem 1. HJ 2023).

Am meisten Bier getrunken wird in den Monaten Mai und Juni, am wenigsten im Januar. In Norddeutschland führt das Pils (”Zwischen Leber und Milz passt immer noch ein Pils!”), in Süddeutschland das Helle die Rangliste an. Daneben gibt es neben vielen anderen noch das obergärige Weissbier, Alt, Märzen, Schwarzbier, Kölsch uvam. Gross im Kommen sind auch alkoholfreie Produkte und Mischgetränke. Positiv hervorzuheben ist, dass die Bierindustrie nahezu vollständig beim umweltfreundlichen Mehr-wegsystem (mit Ausnahme der Dosen) geblieben ist.

Mehr als 1.500 Brauereien produzieren das heissbegehrte Gebräu. Die meisten davon sind allerdings Klein- und Kleinstbrauereien mit nur eingeschränktem Markt. Tatsächlich regieren sechs Grossbrauereien das Geschäft. Sie spielen am weltweiten Markt allerdings keine schwerge-wichtige Rolle. Apropos – weltweit: Diese drei grössten Braukonzerne produzieren nahezu die Hälfte aller Biere auf diesem Globus – schauen wir doch mal hinter die Kulissen!

.) Der Marktführer Anheuser-Busch InBev mit Sitz in Belgien stiess 2023 nicht weniger als 505,9 Mio Hektoliter aus, eine unglaubliche Zahl. In deutschen und österreichischen Gefilden ist der Konzern vor allen durch seine Marke Beck’s bekannt. Viele allerdings wissen nicht, dass auch Hasseröder, Diebels, Spaten, Franziskaner und Löwenbräu zum Konzern zählen. Na ja – bayrische Braukunst eben! Zwischen Flensburg und Garmisch-Partenkirchen betrug der Absatz 2023 6,6 mhl – Platz zwei.

.) Platz Zwei weltweit geht an Heineken. Die Niederländer schafften es auf 242,6 mhl anno 2023.

.) Und Bronze holte sich China mit den China Res. Snow Breweries und 111,51 Mio Hektolitern.

Weiters folgen Carlsberg (Dänemark), Molson Coors (USA/Kanada), die Tsingtao Brewery Group (China), die Asahi Group (Japan), BGI / Groupe Castel (Frankreich), Yanjing China und die Efes Group (Türkei).

(Info: BarthHaas GmbH & Co. KG – Hopfendienstleister)

Unter den weltweit 40 grössten Brauereien finden sich ingesamt sechs deutsche:

.) Die Radeberger-Gruppe KG gehört zum Oetker-Konzern. Mit 10,8 Mio Hektoliter ist sie die grösste deutsche Brauerei. Unter ihrem Konzernlogo werden etwa Marken wie Jever, DAB und Berliner Pilsner geführt. 1885 wurde aus der damaligen Aktienbrauerei ”Zum Burgkeller” die ”Radeberg Exportbrauerei”. 1952 schliesslich erwarb die Dr. August Oetker KG die Aktienmehrheit an der Binding-Brauerei – der Konzern wurde vorerst zur Oetker-, später dann zur Radeberger-Gruppe. Mit den Marken Freiberger, Allgäuer Brauhaus und Schöfferhofer Weizen, Selters und Tucher Bräu sowie Hasen-Bräu, Berliner Pilsner, Berliner Kind und Berliner Bürgerbräu ist die Gruppe Deutschlands grösstes Bier-Konglomerat (über ein Dutzend Brauereien). Weltweit schaffen es die Frankfurter auf Platz 22.

.) Oettinger verkaufte 2023 7,5 mhl (fast 2 Milliarden Flaschen und Dosen). An den Standorten Gotha, Mönchengladbach und Braunschweig werden nicht nur Biere, sondern auch Bier-Mix- und Erfrischungs-getränke produziert. Der Ursprung liegt im Fürstlichen Brauhaus im Jahr 1731, 1956 übernahm die Familie Kollmar den Betrieb. Der Leitsatz der Oettinger Getränke: Beste Qualität zu fairen Preisen. Auch einige Handelsmarken werden durch die Oettinger-Gruppe produziert. Im weltweiten Vergleich rangiert das Unternehmen auf Platz 25.

.) Erst auf Platz 28 kommt mit der Paulaner-Gruppe der erste tatsächliche Bayer. 6,34 Mio Hektoliter – rund 4,5 davon in Deutschland. Mög-licherweise wurde vieles davon auf dem Oktoberfest in München verkauft, schliesslich ist der Konzern in drei Festhallen auf der Wies’n vertreten! Die Geschichte reicht bis in’s 17. Jahrhundert zurück und fand seinen Ursprung im Paulanerorden. Die Marken neben Paulaner: Fürstenberg, Höpfner, Kultbücher und Schmucker.

.) Die TCB Beteiligungsgesellschaft folgt auf Platz 30. Mit ihren Marken wie etwa Feldschlösschen (seit 2011) sowie der Gilde Brauerei und dem Frankfurter Brauhaus wurden 5,8 mhl verkauft. Der wohl jüngste Konzern – gegründet 2001 in Berlin.

.) Krombacher folgt mit 5,74 Mio auf Platz 31. Bekannt ist die Marke vornehmlich durch die Spots im Fernsehen. Daneben aber werden auch die Biere Eichener, Rhenania und Rolinck sowie Vitamalz gebraut. Das Unternehmen besitzt zudem die Vertriebsrechte für Schweppes, Dr. Pepper und Orangina. 1803 begann alles mit einer kleinen örtlichen Brau-Gaststätte. Der deutschlandweite Verkauf startete erst in den 1950er-Jahren.

.) Die zur Unternehmerfamilie Simon zählende Bitburger Braugruppe schliesslich landete mit 5,69 Mio Hektolitern auf Platz 32 (in Deutschland Platz 3). Gebraut werden neben Bit etwa die Marken Köstritzer, Licher, König sowie Wernesgrüner. Der Beginn lag im Jahre 1817, als der Braumeister Peter Wallenborn in Bitburg/Eifel seinen ersten Liter zapfte.

Die weiteren Grossen in Deutschland:

.) Warsteiner aus dem gleichnamigen Ort in NRW braut jährlich rund 3 mhl – auch unter den Marken Frankenheim, Herforder, König Ludwig und Paderborner. Seit der Gründung des Konzerns liegt das Unternehmen in den Händen der Familie Cramer.

.) Veltins wurde 1824 in Mischte/Sauerland gegründet. Auch dieser Betrieb ist ein Familienunternehmen. Gemeinsam mit Grevensteiner werden rund 2,5 mhl jährlich produziert.

.) Mit rund 2,4 Mio Hektolitern spielt auch der Carlsberg-Konzern in Deutschland im Spiel der Grossen mit. Vertreten zudem neben dem Zug-pferd mit den Marken Astra, Duckstein, Holsten und Lübizer.

In Österreich gibt es 347 Braustätten (inklusive der Hausbrauereien). Sie stiessen 2024 insgesamt 9,98 mhl des edlen Gebräus aus – auch hier mit der Tendenz sinkend (-3 % gegenüber 2023). Im Alpenland wird ebenfalls immer mehr alkoholfreies Bier konsumiert. Gebraut wird nach dem Codex Alimentarius Austriacus, dem Österreichischen Lebensmittelbuch.

Hier die grössten Braukonzerne:

.) Die Brau-Union gehört zur niederländischen Heineken-Gruppe und schluckte viele ehedem unabhängige Brauereien. Dementsprechend gross die Markenliste: Desperados, Edelweiss, Fohrenburger, Gösser, Heineken, Kaiser, Kaltenhausen, Linzer Bier, Piestinger, Puntigamer, Reininghaus, Schladminger, Schleppe, Schlossgold, Schwechater, Sol, Villacher, Wiesel-burger und Zipfer. Die Brau-Union wurde 1921 als “Braubank AG” gegründet. 1998 wurden die Österreichische Brau-Union und die Steirer-brau fusioniert – 2003 kaufte sich die Heineken-Gruppe ein. Nach Unter-nehmensangaben werden jährlich rund 5 Millionen Hektoliter produziert. Übrigens ist 2023 Bill Gates bei Heineken eingestiegen. Ob er sich nun regelmässig ein österreichisches Krügerl genehmigt, ist leider nicht bekannt.

.) Die Salzburger Stiegl-Brauerei wurde erstmals 1492 urkundlich erwähnt (“Das Haus bey der Stiegn”). Seit 1889 befindet sich das Brauhaus im Besitz der Familie Kiener. Zur Produktpalette zählen 24 Stiegl-Biere und -Mischgetränke, zwei Max Glaner’s, acht Hausbiere, ein Wildshuter und zwei Weizengold sowie ein Radler Zitrone.

.) Die Ottakringer-Brauerei befindet sich im 16. Wiener Gemeindebezirk. Müllermeister Heinrich Plank vom Stift Klosterneuburg erhielt 1837 die Braubewilligung. 1905 ging das Unternehmen an die Börse. Gustav Harmer übernahm 1938 das Unternehmen, 1986 schliesslich wurde die Ottakringer AG gegründet. Gebraut werden hier 24 Ottakringer Biere und Mischgetränke (darunter auch ein veganes), drei Gambrinus, zwei Hansy, sechs Gold-Fassl, sieben Kühles Blondes und zwei alkoholfreie Biere.

.) Die Privatbrauerei Hirt in Michldorf wurde erstmals 1270 erwähnt. Gebraut werden 19 Hirter-Biere und Mischgetränke.

.) Die Brauerei Murau ist mit ihren 14 Bieren und Mischgetränken alsdann ein fixer Bestandteil der österreichischen Bierkultur.

.) Ebenfalls auf eine lange Firmengeschichte kann die Privatbrauerei Zwettl zurückblicken. Seit 1708 (damals noch als “Preuer auf der Stiegn”) wird gebraut. 20 Zwettler Biere und -mischgetränke, sowie zwei Brandauers zählen zur Palette.

.) Die Zillertal-Bier Getränkehandel GmbH. befindet sich in Zell am Ziller. Im Jahr 1500 erhielt die Probstei “Polsingerhaus” in Zell am Ziller die Braubewilligung. Seit 1738 wurde am Standort Gerlosstrasse produziert, 2008 eine komplett neue Brauerei erbaut. 17 Zillertaler Biersorten und Mischgetränke werden inzwischen gebraut.

.) 1763 eröffnete Johann Mohr im Vorarlberger Dornbirn eine Brau-Gaststätte. Er nannte es damals “Zum Mohren”, weshalb die Brauerei auch den Namen (um politisch korrekt zu sein) nicht geändert hat. Heute befindet sich die Brauerei in Händen der Familie Huber. Gebraut werden 20 Biersorten und -mischgetränke. Täglich werden lt. Unternehmen in der hochmodernen Anlage 1.350 Hektoliter abgefüllt.

.) Die Braucommune Freistadt ist tatsächlich eine Kommune, an der die Bewohner der Stadt Freistadt im Mühlviertel beteiligt sind. Hier werden die Freistädter Biere (12 unterschiedliche) gebraut.

So – nach all dieser Schreiberei habe ich nun einen ordentlichen Durst bekommen! Übrigens – Bier ist in Maßen genossen eines der besten Elektrolyt-Getränke. Eignet sich also hervorragend nach dem Sport. Nicht umsonst haben auch die Mönche stets vor der Fastenzeit das Kloster-Bockbier gebraut, das die feste Nahrung grossteils ersetzen sollte. Wie sich allerdings der abendliche Choral in so mancher Bruderschaft anhört, möchte ich an dieser Stelle nicht begutäugeln!

Na denn: Prost!!!

Lesetipps:

.) Bier; E. Krug; Camicaze e.V.; Grin Verlag 2015

.) Bier – Die ersten 13.000 Jahre; Günther Hirschfelder/Manuel Trummer; Ebg Paperback in Herder 2022

.) Bier – Das Buch; Urs Willmann; Kampa Verlag 2019

.) Der ultimative Bierguide; Sünje Nicolaysen; Heyne 2018

.) Bier – Alles über den Durst; Comicaze e. V.; Volk Verlag 2016

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Die Show der Shows

Ganz Amerika fieberte seit Wochen auf ein Ereignis hin – auch hierzulande wurden massenweise Bier und Snacks eingekauft und die Plasma-TVs bzw. Beamer in den Party-Kellern oder Garagen zurecht-gerückt: In der Nacht von Sonn- auf Montag (09. auf 10. Februar) ist der LIX. Super Bowl über die Bühne gegangen – Kickoff war um 00.30 Uhr MEZ bzw. 17.30 Uhr Ortszeit. Dabei trafen im Caesars Superdome in New Orleans/Lousiana wie schon 2023 die Philadelphia Eagles auf die Kansas City Chiefs. Das Stadion ist die Heimstätte der New Orleans Saints.

Die Kansas City Chiefs verloren 2021 das Finale gegen die Tampa Bay Buccaneers (mit Tom Brady als Quarterback) mit 31:9, gewannen jedoch das Jahr zuvor mit 31:20 gegen die San Francisco 49ers. 2023 bezwangen die Chiefs die Eagles mit 38:35. Ein Jahr später war es ein 25:22 gegen die San Francisco 49er – ebenfalls für die Mannen aus Kansas. Heuer hingegen wendete sich das Blatt: Die Eagles deklassierten richtiggehend die Chiefs mit 40:22! Die Phillies gewannen zuletzt 2018 mit 41:33 gegen die New England Patriots.

In diesen Jahr gab es eine Premier: Unter den Zuschauern waren erstmals die derzeit bekanntesten US-Amerikaner – Präsident Donald Trump und Pop-Sängerin Taylor Swift. Beide wurden ausgebuht! Während Trump den Auftritt wohl aus PR-Gründen wählte und von einem tollen Finale sprach, war es für Swift ein rabenschwarzer Tag: Eigentlich wollte sie ihrem Freund Travis Kelce zum erneuten Sieg gratulieren – doch ging dieser für die Chiefs auf’s Feld. Sie sass übrigens neben Ex-Tennis-Star Serena Williams.

Der Super Bowl ist unumstritten die grösste Sportshow der Welt mit rund 800 Millionen TV-Zusehern bis ins hinterste Eck dieses Globusses, ja sogar bis ins Dorf Namenlos in Tirol!

Heute möchte ich allerdings weniger über Football berichten, obgleich sich zwei sehr attraktive Mannschaften gegenüber standen.

In den Wettbüros lagen zuvor beide Teams recht nahe beieinandern – mit leichtem Vorteil für die Eagles. Bei den Quoten für den wertvollsten Spieler lag allerdings der Star-Quarterback der Chiefs, Patrick Mahomes, haushoch vorne. Entsprechend seine Quote bei der MVP-Wette: 2.10, sein Gegenüber Jalen Hurts lag bei 4.50 (im Vergleich dazu Travis Kelce 17.00).

Diese Sportveranstaltung ist in allem etwas grösser, fulminanter und rekordverdächtig ohnedies.

Zur Geschichte:

Der Super Bowl ist das Finalspiel des Saisonsiegers der Western Conference gegen den Saisonsieger der Eastern Conference in der National Football League. Das erste NFL Championship Game wurde im Jahre 1932 zwischen den Chicago Bears und den New York Giants ausgetragen – die Bears gewannen mit 23:21. Der Super Bowl wie wir ihn heute kennen, fand erstmals 1967 statt, als der Sieger der NFL gegen den Sieger der neu gegründeten American Football League (AFL) antrat. Die beiden Ligen wurden 1970 fusioniert. Seither wird das Finale zwischen der American Football Conference und der National Football Conference ausgetragen. Gespielt wird stets in südlichen Bundesstaaten, da es klimatisch wärmer ist. Wer schaut sich schon gerne ein Game bei Schnee-treiben an. Bislang konnte noch nie eine Mannschaft ein Heim-Endspiel abliefern, also im eigenen Stadion spielen. Der Caesars Superdome war bereits achtmal Austragungsort des Football-Finales. Das Stadion wurde am 3. August 1975 eröffnet, Ende August wurde die 560 Mio teure Renovierung abgeschlossen. Das Fassungsvermögen liegt bei 73.208 Menschen – beim Super-Bowl jedoch sind stets rund 79.000 Zuschauer im Stadion. Während des Wirbelsturms Katrina diente es als Auffang- und Notlager der Bevölkerung. Im kommenden Jahr wird das Spiel der Spiele im Levi’s Stadium in Santa Clara/California ausgetragen werden, dem Heimstadion der San Francisco 49ers.

Als Spieltermin fungiert zumeist der erste Sonntag im Februar – in den USA ist dies der Super Bowl Sunday – ein inoffizieller Feiertag. Eintritts-karten sind heiss begehrt – sie werden jedoch zwischen den NFL-Teams aufgeteilt: 17,5 % gehen jeweils an die Endspielteams, 5 % an die veranstaltende Mannschaft (heuer die New Orleans Saints) und 34,8 % an die restlichen NFL-Mannschaften. Einige wenige Karten werden durch die NFL selbst verlost.

Sechs Mal gewannen die Pittsburgh Steelers die Vince Lombardi Trophy – ein Pokal, der nach dem Trainer des ersten Super Bowl-Gewinners, den Green Bay Packers benannt wurde und eigens von Tiffany & Co ange-fertigt wird (Sterling-Silber, 3,5 kg schwer, 55 Zentimeter hoch). Preis: 25.000,- US-Dollar – für Football-Fans jedoch unbezahlbar. Sechs mal ging er an die New England Patriots und die Pittsburgh Steelers, gefolgt von den Dallas Cowboys und den San Francisco 49ers mit jeweils 5 Siegen. Zudem erhält der wertvollste Spieler des Abends (MVP) einen Extrapreis, die Pete Rozelle Trophy und jeder Spieler aus dem Siegerteam einen Ring aus Gold und Diamanten, den Super Bowl-Ring (Wert: Jeweils 5.000,- $). Auch sie haben einen unheimlichen Lieblingswert bei den Fans – so sollen einzelne Ringe bereits für eine sechsstellige Summe verkauft worden sein.

Bislang erfolgreichster Teilnehmer ist der Head Coach der New England Patriots, Bill Belichick, der acht dieser Finals für sich entscheiden konnte (2x Giants und 6x Patriots). Erfolgreichster Spieler ist der Quarterback Tom Brady mit sieben Ringen (6x für die New England Patriots, den letzten gewann er mit den Tampa Bay Buccaneers).

Bis zu 140 Millionen TV-Zuschauer sind an den US-amerikanischen TV-Geräten zuhause, bei Super Bowl-Parties oder in Clubs an den Fernseh-geräten versammelt – heuer waren es 127,7 Mio. Der übertragende TV-Sender war in diesem Jahr Fox – er verlangt für einen 30 Sekunden-Spot erstmals rund 8 Mio Dollar (rund 7,3 Mio € – im letzten Jahr waren es noch 7 Mio $). Werbespots werden eigens für dieses Event produziert. Der teuerste dieser Clips kam von Amazon („Mind Reader“) – 130 sec für 26 Mio Dollar.

Zwischen den beiden Hälften findet die Halbzeitshow statt. Hier gibt sich zumeist das Who is Who der Pop- und Rockmusik das Mikrophon in die Hand: Aerosmith, Bruce Springsteen, Lady Gaga, Michael Jackson, Prince, Rolling Stones, U2, … Heuer gab Rap-Superstar Kendrick Lamar sein Bestes. Die Nationalhymne „The Star-Spangled Banner“ sang der Singer/Songwriter Jon Batiste, der sich alsdann in die Liste grosser Stars einreiht: Whitney Houston, Mariah Carey, Lady Gaga, Alicia Keys, Pink oder auch Neil Diamond. Der Song „America the beautiful“ wurde von Lauren Daigle intoniert.

Der Super Bowl hat sich, wie überhaupt der US-amerikanische National-sport, zum Politikum entwickelt. Viele werden wohl noch jene Spieler vor Augen haben, die während des Abspielens der Nationalhymne knieten. Diese Aktion rief der bis zum Jahr 2016 bei den 49ers spielende Quarter-back Colin Kaepernick als Protest gegen die Unterdrückung der afro-amerikanischen Bevölkerung und die Polizeigewalt im Lande aus. Wieder-Präsident Trump forderte damals die Entlassung all jener Spieler, die sich diesem Protest anschlossen. Inzwischen müssen sich Spieler und Publikum positionieren. Allerdings auch die Promis, die die Halbzeitshow abliefern sollen. Angeblich sagten die Superstars Rihanna, Jay Z und Pink deshalb den Ritterschlag eines Auftritts vorerst ab – doch wie immer wieder zu sehen: Nichts ist für ewig! Auch Jennifer Lopez meinte vor fünf Jahren im Magazin „Variety“ mit einem ordentlichen Seitenhieb auf die Regierung Trump:

„Ich denke, es ist sehr wichtig für zwei Latino-Frauen in diesen Zeiten – in denen Latinos in diesem Land auf eine bestimmte Art und Weise behandelt oder gesehen werden – auf dieser Bühne zu stehen und zu zeigen, dass wir eine wunderschöne wertvolle Kultur haben, und in diesem Land etwas notwendiges beisteuern.“

Gegen Live-Proteste in der Halbzeitpause haben sich allerdings die TV-Sender seit dem Nippelgate-Skandal von Janet Jackson und Justin Timberlake im Jahre 2004 gesichert: Die Halbzeitshow wird zeitversetzt ausgestrahlt, damit derartige „Unannehmlichkeiten“, die nicht ins Bild passen, herausgeschnitten werden können. Auch haben selbstverständ-lich die Politiker die Gelegenheit und Zugkraft dieser Veranstaltung erkannt. So strahlte Fox bei seiner Live-Übertragung 2020 vor dem Spiel eine Rede Donald Trumps aus. Zudem buchte er zwei 30-Sekunder, der für die Demokraten startende Michael Bloomberg kaufte sich eine Minute – Kostenpunkt: 11 Millionen Dollar! Der Milliardär wird’s wohl aus seiner Portokasse beglichen haben.

Rund 6.000 Medienvertreter berichten jedes Jahr über diesen Super Bowl-Sunday vorort. Im vergangenen Jahr übertrug CBS das Spektakel, im Jahr zuvor Fox. In Deutschland und Österreich liegen die Übertragungsrechte bei RTL.

Ran präsentierte für all jene, die sich für den Montag nicht freinehmen konnten, ein Relive des Spektakels. Den Livestream (wahlweise auch mit Original-Kommentar) gab es bei DAZN oder Mike Morton hat bereits Super-Bowl-Erfahrung – aber als Spieler. 1999 war er Linebacker bei den Los Angeles Rams, die gegen die Tennessee Titans gewannen. direkt bei der NFL – hierfür ist jedoch ein NFL Game Pass erforderlich.

Apropos Travis Kelce: 2023 standen sich er und sein Bruder Jason gegen-über. Damals meinte Travis, dass ihre Mutter die eigentliche Gewinnerin des Super-Bowls wäre:

„Ein cooles Szenario – unsere Mutter kann nicht verlieren!“

Beide Kelce-Brüder wurden von demselben Mann in die Liga geholt: Der Head-Coach der Chiefs, Andy Reid, verpflichtete 2011 Jason Kelce nach Philadelphia, zwei Jahre später dann Travis für Kansas City.

„Ich habe in beide Zeit investiert. Ich fühle mich also wie ein Teil der Familie!“

Jason Kelce beendete am 4. März 2024 seine Karriere, nachdem er 13 Jahre lang für die Philadelphia Eagles kickte.

Doch steht und fällt im American Football das Spiel mit den Quarter-backs, den Spielmachern der Teams. Mit Jalen Hurts steht bei den Eagles ein Starvertreter seines Könnens im Mittelpunkt. Er lieferte mit seiner Mannschaft eine geradezu grandiose Saison ab und kam durch einen überzeugenden 23:55-Sieg gegen die Washington Commanders im AFC-Finale in den Superbowl. Hurts spielte im College Football für Oklahoma und Alabama, während der Highschool wurde er zum „Most Valuable Player“ gewählt. Seit 2020 steht er in Diensten der Phillies. Als Senior warf er in den letzten vier Saisonen 14.667 Yards-Pässe (darunter 85 Touch-down-Pässe) und rannte für 3.133 Yards-Laufpässe (darunter 55 Touchdowns). Auf der anderen Seite steht Patrick Mahomes. Mahomes spielte bei Texas Tech College Football. Seit 2017 steht er in Diensten bei den Chiefs – sein Vertrag wurde anno 2020 bis 2032 verlängert – bis dahin könnte dieser ihm die Summe von 503 Mio Dollar einbringen. Bei den Chiefs warf er seit seinem NFL-Debut 32.352 Yards-Pässe (darunter 245 Touchdowns) und 2.243 Yards-Laufpässe mit 14 Touchdowns. Doch war er auch im Baseball sehr erfolgreich: So warf er für die Whitehouse Highschool einen No Hitter mit 16 Strikeouts. In der Saison 2013/14 wurde er zum Maxprep-Athlet des Jahres gewählt.

Insgesamt leiten acht Schiedsrichter das Spiel – der „Referee“ (Haupt-schiedsrichter) war in diesem Jahr Ron Torbert. Er wurde bereits 2021 zur Super Bowle berufen – damals siegten die Los Angeles Rams über die Cincinnati Bengals. Torbert übrigens ist selbst im Besitz eines Super Bowl-Ringes: 1999 gewann er als Linebacker mit den Los Angeles Rams gegen die Tennedssee Titans.

Nicht nur hierzulande melden sich viele am folgenden Montag nach dem Spiel krank – in den USA ist das nahezu gang und gebe (+6 % – viele erscheinen zwar zur Arbeit, sind jedoch nicht ansprechbar!). Und das verdrücken die Amerikaner vor, während und nach dem Spiel: 1,25 Milliarden Chicken Wings, 120 Millionen Liter Bier, 14.000 Tonnen Chips und 4.000 Tonnen Popcorn – mit anderem macht dies rund 10 Milliarden US-Dollar, die sich Herr und Frau Smith landesweit zum Highlight des Jahres gönnen. Übrigens machen die Pizza-Lieferdienste mit rund 11 Mio Pizzen rund ein Drittel ihres Jahresumsatzes an nur diesem einen Tag.

Etwas teurer geht’s im Stadion her. Während die Karten regulär in der NFL-Verlosung für 600,- Dollar erhältlich sind, kosten sie am zweiten Markt schon mal zwischen 5-6.000,- Dollar – die teuersten gar das Zehnfache.

Link:

www.nfl.com

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Ist Georgien ein Teil Russlands?

Ähnlich wie derzeit in Deutschland und Österreich wird auch in Georgien nahezu täglich demonstriert! Allerdings unter anderen Vorzeichen. Wäh-rend die Menschen in Deutschland und Österreich gegen den steigenden Einfluss von rechts in der Politik auf die Strasse gehen, machen dies die Georgier gegen eine bereits bestehende Regierung. Sie wurde zwar gewählt – allerdings bescheingten ausländische Wahlbeobachter eine starke Einflussnahme Russlands bei diesem Urnengang. Doch hierzu mehr etwas später.

Die Geschichte Georgiens geht bis in die Steinzeit zurück. Im Ort Dmanissi wurde 1992 durch die deutsche Archäologin Antje Justus aus Mainz ein Schädel gefunden, der die Geschichte des Homo erectus auf dem europäischen Kontinent offenbar zu seinem Ursprung führt. Möglicherweise wurde Europa vor 1,85 Mio Jahren von den aus Afrika stammenden Menschen über Georgien bevölkert. König David schuf die erste staatliche Einheit, bis zur Regentschaft von Königin Tamar im 13. Jahrhundert erlebte Georgien mit dem sog. „Goldenen Jahrhundert“ seine Blütezeit. Danach zerfiel es in viele Kleinstaaten. Es folgte später eine abwechselnde Regentschaft der Osmanen und Perser. Zar Alexander I. schickte 1722 Truppen und eroberte den Nordkaukasus. 1786 begann der russisch-türkische Krieg, 1801wurde Georgien in das Zarenreich eingegliedert.

Nach dem Ende des 1. Weltkrieges erklärte sich Georgien für unabhängig. Dies wurde auch von den kommunistischen Machthabern in Moskau vor-erst anerkannt – allerdings nur für drei Jahre. Während der Bolsche-wistischen Oktoberrevolution wurde das Land in die Sowjetunion einge-gliedert. Zwischen 1930 und 1950 erfolgten die stalinistischen Säuberungsaktionen – rund 30.000 Georgier fielen diesen zum Opfer oder verschwanden in Gulags.

Im Jahr 1990 schliesslich erfolgte die nächste Unabhängigkeitserklärung. Der Regierung unter Swuad Gamsachurdia gelang es jedoch nicht, eine staatliche Einheit zu bilden. Sein Nachfolger Eduard Schewardnadse schuf eine Autokratie. Er wurde 2004 durch den von vielen hochgelobten Hoffnungsträger Micheil Saakaschwili abgelöst. Schewardnadse erhielt zum Abschied Rosen – daher auch die Bezeichnung der „Rosen-revolution“. Doch auch Saakaschwili schuf eine Autokratie. 2008 schliess-lich revoltierten die Provinzen Abchasien und Südostessetien – es kam zu einem militärischen Konflikt, der nach wie vor andauert. Das öster-reichische Aussenministerium gibt für diese Regionen ein „Hohes Sicher-heitsrisiko“ (Sicherheitsstufe 3) aus und warnt vor Reisen. In diesem Zusammenhang griff Russland Georgien aus der Luft, am Boden und über das Schwarze Meer aus an – ein klarer Verstoss gegen das Völkerrecht. Der Kreml erkannte zudem die abtrünnigen Provinzen als unabhängige Staaten an. Dies führte zum Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen Tiflis und Moskau. Zwischen 2012 (mit dem Ende der zweiten Amtszeit von Saakaschwili) und 2024 folgten insgesamt drei Minister-präsidenten (Bidsina Iwanischwili, Georgi Margwelaschwili und zwei Perioden lang Irakli Gharibaschwili). Letzterer trat am 29. Januar 2024 zurück – sein Nachfolger wurde Irakli Kobachidse.

Im März 2022 stellte Georgien angesichts des russischen Einmarsches in die Ukraine den Antrag auf einen Beitritt zur EU! Seit der Unabhängig-keitserklärung 1990 näherte sich zudem das Land der NATO an und wurde in den Europarat aufgenommen.

Nun zu den Demonstrationen: In der Nacht vom 22. auf den 23. November 2003 gingen rund 100.000 Menschen auf die Strasse, um gegen einen Wahlbetrug von Eduard Schewardnadse zu demonstrieren. Dies zeigte Wirkung – Schewardnadse wurde ab-, Surab Schwania von der Parlamentspräsidentin Burdschanadse als interimistischer Regierungschef eingesetzt. Die folgenden Wahlen gewann Saakaschwili. Auch gegen ihn begannen die Proteste anno 2007. Zu Beginn des Jahres 2023 schliesslich starteten die Demonstrationen gegen die Regierungspartei „Georgischer Traum“ aufgrund der geplanten Einführung eines Registers für „ausländische Agenten“ (als Vorbild diente dabei das russische Gesetz über ausländische Agenten. Am 11. Mai demonstrierten erneut Zehn-tausende in Tiflis gegen das Gesetz, das aber trotzdem drei Tage später durch das Parlament beschlossen wurde. Staatspräsidentin Salome Surabischwili kündigte an, dieses nicht unterzeichnen zu wollen und setzte einen Hilferuf gen Westen ab. Trotzdem trat das Gesetz im Juni desselben Jahres in Kraft – eine Mehrheit im Parlament wies das Veto der Staatspräsidentin zurück. Am 26. Oktober 2024 ging Kobachidse als eindeutiger Sieger hervor. Ihm wird jedoch Wahlbetrug und eine massive Einflussnahme Russlands in die Wahl vorgeworfen. Russlands Kriegs-treiber Putin hatte vor den Wahlen ganz offen damit gedroht, erneut gegen Georgien vorgehen zu wollen, wenn nicht der prorussische Kandidat gewählt würde. Seither gehen nahezu jeden Tag tausende Menschen auf die Strasse. Als die Regierung im November des letzten Jahres ankündigte, die Beitrittsverhandlungen zur EU bis 2028 aussetzen zu wollen, wurden es von Tag zu Tag mehr. Nach Umfragen befürworten bis zu 80 % der Georgier diesen Beitritt. Die Regierung geht seither mit schwer bewaffneten Polizisten, Wasserwerfern und illegalen Schläger-trupps brutal gegen die Protestierenden vor.

Den Demonstranten fehlen die Stimmen! Anführer, die Strukturen in die Demonstrationen bringen. Sobald sich allerdings jemand zu laut zu Wort meldet, wird er verhaftet. Eine dieser lauter werdenden Stimmen war die Gründerin der unabhängigen Zeitung „Batumelebi“ und des Online-Portals Netgazeti, Msia Amaghlobeli. Als sie am 11. Januar des Jahres ein Plakat aufhängen wollte, wurde sie festgenommen, wenig später jedoch wieder auf freien Fuße gesetzt. Als sie während einer Protestaktion erneut verhaftet wurde, ohrfeigte sie in der Polizeiwache den Polizeichef von Batumi, Irakli Dgebuadze. Ihr blüht nun eine Haftstrafe von vier bis sieben Jahren. 14 europäische Staaten haben bereits über ihre Bot-schaften ihre Freilassung gefordert.

Inzwischen gehen die Säuberungen in der staatlichen Verwaltung weiter. Tiflis bezeichnet sie offiziell als „Reorganisation“ – allerdings werden interessanterweise nur jene entlassen, die sich kritisch äussern oder eine Petition gegen die Aussetzung des EU-Beitritts unterzeichnet haben.

Es liegt also sehr viel im Argen in Georgien!

Lesetipps:

.) Georgien zwischen Eigenstaatlichkeit und russischer Okkupation. Die Wurzeln des Konflikts vom 18. Jahrhundert bis 1924; Philipp Ammon; Klostermann 2019

.) Georgien: Nationale Opposition und kommunistische Herrschaft seit 1956; Jürgen Gerber; Nomos 1997

.) A History of Georgia; Nodar Lomouri; Sarangi Publishers 1993

Links:

www.bmeia.gv.at

www.auswaertiges-amt.de

tiflis.diplo.de/

www.bpb.de/

www.goethe.de

osteuropa.lpb-bw.de

www.daad.de

www.giz.de

www.fes.de

www.kas.de

ge.boell.org

www.freiheit.org

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Die tödliche Gefahr aus dem Wasserhahn

Im Juli 2012 sorgte eine Schlagzeile in München für einigen Aufruhr – und dies deutschlandweit! „Duschverbot im Münchner Olympiadorf“. Auslöser war eine Trinkwasseruntersuchung nach der Trinkwasserrichtlinie der EU (aktuell: Richtlinie (EU) 2020/2184 „Qualität von Wasser für den mensch-lichen Gebrauch“) bzw. der heutigen „Trinkwasserverordnung vom 20. Juni 2023 (BGBl. 2023 I Nr. 159, S. 2)“ in der damaligen Version. In Öster-reich konnte ich auf die Schnelle in der noch gültigen „Trinkwasser-verordnung“ (BGBl. II Nr. 304/2001) keine entsprechenden Bestimmungen entdecken (sollte ich fehl gehen – bitte Mail an mich, dann wird dies sofort korrigiert!). Die mikrobiologischen Untersuchungen betreffen hier vornehmlich den Gehalt von Coli-Bakterien bzw. Enterokokken, Pseudo-monas aeruginosa sowie Clostridium perfringens, nicht jedoch Legio-nellen! In Deutschland muss das Trinkwasser in allen öffentlichen und gewerblich genutzten Gebäuden seit dem 01. November 2011 regelmässig auf den Gehalt etwaiger „kolonienbildender Legionellen“ hin unterschucht werden. Zu diesen Gebäuden zählen auch Mietshäuser.

Zurück in die Gegenwart: Zu Beginn des Jahres erkrankten im öster-reichischen Bundesland Vorarlberg fünf Menschen an den Erregern, drei davon mussten gar auf der Intensiv-Station behandelt werden. Alle fünf stammen aus dem Bezirk Bregenz, ansonsten besteht kein Zusammen-hang zwischen den Fällen. Im Spätsommer letzten Jahres wurden in drei Wohnanlagen im Hamburger Stadtteil Dulsberg besorgniserregende knapp 16.000 sogenannte koloniebildende Einheiten (KBE) je Milliliter (ml) Legionellen gemessen – der Grenzwert liegt bei maximal 100 KBE/100 ml! Das Problem sei seit 2019 bekannt, der Vermieter allerdings habe stets nur kurzfristige Massnahmen ergriffen (etwa sterile Filter für die Duschköpfe), heisst es. Auch in Schwanewede im Landkreis Osterholz in Niedersachsen läuft nach wie vor der Kampf gegen die Erreger in Sporthallen und Schulen.

Legionellen sind immer im Trinkwasser enthalten. Während sie im Magen abgetötet werden, können sie in einer gewissen Konzentration einge-atmet durchaus tödliche Folgewirkungen haben. Wasserdampf, eine Klimaanlage, ein Whirlpool oder Zimmerbrunnen (Einatmung als Aerosol) sind zumeist die auslösenden Faktoren. Auch im Olympischen Dorf in München wurde die durch die EU-Trinkwasserrichtlinie 98/83 vorge-gebene Grenze von 100 kolonienbildenden Einheiten in 100 Milliliter Trinkwasser überschritten – in 320 Haushalten des Olympischen Dorfes in München durfte damals die Dusche nicht mehr verwendet werden. Das sollte in Hamburg durch die Duschköpfe vermieden werden.

Die stäbchenförmigen Krankheitserreger lösen bei schwachem Immun-system die sog. „Legionellose“ aus. Sie kann zwei unterschiedliche Krankheitsbilder aufweisen:

– das an sich harmlose Pontiac-Fieber

– die Legionärskrankheit mit tödlicher Lungenentzündung

Im Jahr 2011 wurden am Robert-Koch-Institut nicht weniger als 639 Legionellose-Fälle gemeldet. Doch gerade das Pontiac-Fieber wird öfters als normale Influenza oder grippaler Infekt verkannt. Deshalb dürfte die Dunkelziffer noch weitaus höher liegen. Grund zur Panik besteht deshalb jedoch nicht – durch die regelmässigen Untersuchungen werden immer wieder solche Meldungen in die Medien kommen. Nicht etwa weil die Legionellen zunehmen, sondern vielmehr weil wesentlich mehr kontrolliert wird.

Das heimische Trinkwasser unterliegt grösstmöglichen Reinheits-kontrollen. Es ist wahrscheinlich jene Flüssigkeit, die am meisten auf ihre Qualität hin überprüft wird. Trotzdem kann ein Krankheitserreger niemals völlig ausgeschaltet werden: Die Legionella pneumophila. Das Wasser fliesst in den Trinkwasserleitungen mit einer Temperatur von nur +8 Grad Celsius. Der Erreger vermehrt sich allerdings nicht oder nur sehr langsam unter einer Temperatur von +20 Grad. Damit sind Durch-lauferhitzer und Boiler die wirklichen Brutstätten der Legionellen. Nur die Erhitzung auf über +60 Grad lässt die Keime nach einigen Minuten absterben (bei +71 Grad innerhalb von 3 Minuten). Die Bakterien lagern sich in Form von Biofilmen in Rohren, Wasserhähnen und auch Dusch-köpfen an. Bei +36 Grad fühlen sie sich am wohlsten.

Die Legionärskrankheit wurde erstmals 1976 im Bellevue Stanfort-Hotel in Philadelphia diagnostiziert, als amerikanische Kriegsveteranen während eines Kongresses nach dem Duschen daran erkrankten. 180 von 4.400 Delegierten hatten sich infiziert, bei 29 verlief dies tödlich. Die erste bekannte Legionellen-Epidemie in Deutschland wurde 2010 im Raum von Ulm bekannt: 64 Infizierte und 5 Todesopfer. Gerade bei älteren Menschen, die über ein nicht mehr dermassen starkes Immun-system verfügen, können die Erreger zu Lungenentzündungen und Nervenversagen führen. Die Sterblichkeit liegt bei 10 bis 20 % und wird damit als „erheblich“ eingestuft.

Die Prüfungen nach der Trinkwasserrichtlinie müssen jährlich von akkreditierten Probenehmern durchgeführt werden. Dabei werden 250 Milliliter Wasser in eine zuvor sterilisierte Kunststoffflasche gefüllt. Zuvor wird die Wasserquelle mit 70 %-igem Ethanol gereinigt und nach der Einwirkzeit auf höchster Wassertemperatur für einige Minuten laufen gelassen. Erst dann erfolgt die Probenentnahme. Innerhab von 12 Stunden wird die Analyse der Probe vorgenommen. Dies gleich in drei-facher Hinsicht: Zwei natürliche Proben auf Nährboden in Petrischalen und einmal als Kontrollprobe. Hier wird das Wasser durch eine Filter-membran, Druck und chemischen Zusätzen insofern zerlegt, dass nurmehr die Legionellen übrig bleiben. Nach einer Woche bei 36 Grad Celsius haben sich in den meisten Fällen Kolonien aus einem Bakterium gebildet. Liegen diese im Rahmen des Erlaubten, ist dies gut so. Ansonsten muss das gesamte Leitungssystem des entsprechenden Gebäudes kurzfristig mit über 70 Grad heissem Wasser gespült werden. Betroffen davon sind „Speicher-Trinkwassererwärmer oder zentrale Durchfluss-Trinkwassererwärmer von mehr als 400 Liter und/oder drei Liter in jeder Rohrleitung zwischen dem Abgang des Trinkwasser-erwärmers und der Entnahmestelle“. Wird diese Regelung vernachlässigt, drohen hohe Strafen und im Ernstfall zivilrechtliche Schadensersatz-klagen.

Legionellen sind stäbchenförmige Bakterien, die zur Familie der Legionellaceae zählen. Geisseln (subpolare Flagellen) ermöglichen die Beweglichkeit der Erreger. Derzeit sind 48 Arten und 70 Serogruppen bekannt, die sowohl im Süss- als auch im Salzwasser vorkommen. Die Legionella pneumophila kann auch die lebensgefährliche Legionärskrank-heit auslösen. Sie äussert sich mit folgenden Verlaufserscheinungen: Unwohlsein, plötzlich auftretendes hohes Fieber, Kopf-, Brust- und Gliederschmerzen, Husten, Durchfall und Verwirrtheit. Einher geht eine Lungenentzündung und schliesslich ein Organversagen. Die Inkubations-zeit beläuft sich auf 2-10 Tage. 15 bis 20 % der Infektionen verlaufen tödlich. Schätzungen gehen davon aus, dass jährlich in Deutschland 500 bis 2.000 Menschen auf diese Weise sterben – oftmals bleibt die eigentliche Ursache, die Legionellose dabei unerkannt. Das Pontiac-Fieber hingegen verläuft ebenfalls fiebrig und grippeähnlich, klingt jedoch nach nur wenigen Tagen wieder ab. Rund 100.000 Menschen erkranken in Deutschland jährlich daran.

Sich vor diesen Legionellen zu schützen ist sehr schwer. So sollte Trinkwasser immer kalt gehalten werden. Brauchwasser (zum Duschen etwa) sollte auf mindestens 60 Grad aufgeheizt werden (Rücklauf-temperatur mindestens 55 Grad). Gerade bei Geothermen (also Anlagen, die über Erdwärme heizen) bzw. Wärmepumpen sollte der Boiler regel-mässig auf über 60 Grad erhitzt werden (Strom). Nachteil: Raschere Verkalkung des Leitungssystems! Auch der Einsatz von Ultrafiltrations-Membranen wäre sehr förderlich – sie filtern die Legionellen aus. Die Bestrahlung mit ultraviolettem Licht (Aachener Konzept) schafft zudem Abhilfe. Daneben kann eine chemische Dauer- (geringe Konzentration) oder Stossdesinfektion (mit beispielsweise Wasserstoffperoxid) von Chemikalien in hoher Konzentration durchgeführt werden. Danach muss eine Spülung erfolgen. Recht neu ist auch die Membranzellenelektrolyse. Dabei wird durch elektrochemische Aktivierung Natriumhypochlorit erzeugt. Chemische Massnahmen sind jedoch immer mit hoher Genauigkeit und nach DIN-Vorschriften durchzuführen. So verbietet etwa die Trinkwasserverordnung eine prophylaktische Desinfektion mit Chemikalien. Zuguterletzt sei hier noch das Anstandsgewirke erwähnt. Durch die Anbringung spezieller silberhaltiger Textilien in wasser-führenden Systemen werden Metallionen in Mikroorganismen übertragen, die ein Anhaften eines Biofilmes und damit eine Kolonienbildung verhindern.

Trinkwasser ist in unseren Breitengraden der wichtigste Schatz. Unter Berücksichtigung auch nur kleinerer Massnahmen ist es auch die gesündeste Flüssigkeit, die wir zu uns nehmen können. Zudem noch kalorienarm bzw. gar -frei. Der Mensch kann mehrere Tage ohne Nahrung überleben – jedoch nur kurz ohne Flüssigkeit!

Lesetipps:

.) Legionellen in Trinkwasser-Installationen Gefährdungsanalyse und Sanierung; Arnd Bürschgens; DIN E.V. 2024

.) Legionellenprävention in Trinkwasser-Erwärmung; Fünfgeld Liv; VDM 2013

.) Legionellenrisiken in Verdunstungskühlanlagen und Kühltürmen Ursachen und Vermeidung; Christoph Sinder/Meinolf Gringel ua.; DIN Media Praxis 2019

.) Legionella: Infections and Pathology; Charlotte Ortiz; States Academic Press 2022

Links:

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Die homogene Gesellschaft zerfällt!

„Die Verwirklichung relativer kultureller Homogenität ist folglich ein Gebot der praktischen politischen Vernunft.“
(Berthold Löffler)

Heute wollen wir etwas eintauchen in die Politik! Nein – keine Angst – nicht wieder Tagespolitik! Sondern vielmehr in die Politik- und Sozial-wissenschaften! Die jüngsten Vorkommnisse in der Welt haben eines nachgewiesen: Es ändert sich einiges in den Systemen! Ob gut oder schlecht – diese Entscheidung zu treffen, überlasse ich Ihnen.

Erschreckend jedenfalls sind die Ergebnisse der Leipziger Autoritarismus-Studie, die im vergangenen November präsentiert wurden. So bekannten sich im Jahr 2024 zwar nach wie vor neun von zehn der Befragten zur Demokratie, allerdings nur 42,3 % zur Demokratie „wie sie in der Bundes-republik Deutschland funktioniert“ (zwei Jahre zuvor waren es noch 57,7 %). Und das Erschreckende: Knapp 20 % meinten zumindest teilweise, dass „unter bestimmten Umständen eine Diktatur die bessere Staatsform“ sei. Und viele zeigten eine „Neigung zum Eskapismus“. Der Duden versteht unter „eskapistisch“: „Vor der Realität und ihren Anforderungen in Illusionen oder in Zerstreuungen und Vergnügungen ausweichend“! Das betraf vor Corona vornehmlich die Esoterik und den Aberglauben. Mit der Pandemie kamen die Verschwörungstheorien hinzu, die über das World Wide Web binnen kürzester Zeit unheimlich viele Anhänger fanden, tatsächlich aber schon weitaus früher im Dunkeln vor sich hindämmerten (etwa bei den Anschlägen auf das World Trade Center). Die Studie zeigte zudem auf, dass rund 4,5 % der Befragten ein „geschlossen rechts-extremes Weltbild“ besitzen. Die „überwertige Identifikation“ als „Deutsche Eigengruppe“ ist bei zirka 15 % vorhanden. In Ostdeutschland vornehmlich in der Gruppe der 16- bis 30-jährigen, in Westdeutschland bei 61+. Damit sei gesagt, dass ein gesunder Nationalismus ja eigentlich nichts schlechtes darstellt. So sind viele Deutsche stolz darauf, Deutsche zu sein, viele Österreicher stolz, Österreicher zu sein. Doch sind die Grenzen zum ausuferndem Nationalismus und damit meist Extremismus oftmals fliessend. Zuletzt noch zur Ausländerfeindlichkeit: Bei 31,5 % der Ostdeutschen und 19,3 % der Westdeutschen vorhanden. Mehr als ein Drittel wollen die Zuwanderung untersagen. Bei der Judenfeindlichkeit waren es rund ein Viertel.

Soweit zu dieser Studie, die an dieser Stelle nicht unerwähnt sein sollte. Was aber bedeutet „Homogenität“? Bei meinen Ausführungen möchte ich die juristische Bedeutung grossteils aussen vor lassen, schliesslich würde es mich freuen, wenn Sie weiterlesen würden. Wer sich in dieser zähen Materie weiterbilden möchte, dem sei das Werk von Felix Hanschmann (siehe Lesetipps) ans Herz gelegt. Simpel ausgedrückt teilt eine homo-gene Gesellschaft „ähnliche Werte, Überzeugungen und kulturelle Hinter-gründe“ (www.politik-ratgeber.de). Hierzu zählen etwa die Sprache, aber auch die Traditionen und vieles andere mehr. Somit besitzen die Franzosen, die Bulgaren, die Schweden, die Portugiesen etc. jeweils andere Ansichten der Homogenität, die einerseits historisch, andererseits aber auch kulturell begründet sind. Alle jedoch sind EU-Mitgliedsstaaten! Funktioniert deshalb europäisch betrachtet dieser Begriff? Durchaus, sofern man ihn nicht zu eng setzt und bei den Entscheidungen aus Brüssel auf die Vielvölkerunion EU Rücksicht nimmt. Ein anderes Beispiel sind die USA mit ihren 50 Bundesstaaten! Ein Texaner möchte sicherlich nicht mit einem New Yorker verglichen werden – und umgekehrt! Auch sie führten einen Krieg (Sezessionskrieg), der das halbe Land zerstörte und viel Blut kostete. Ähnliches in Europa, in dem sich die vielen Völker seit Jahrhunderten gegenseitig die Köpfe einschlugen. Damit ist seit der Gründung der EU in deren Mitgliedsstaaten erst mal Schluss. Der Krieg auf dem Balkan sowie der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine betrifft damals bzw. heute Nicht-EU-Mitgliedsstaaten! Es handelt sich somit um die längste Friedenszeit, die der EU-Teil dieses Kontinents und damit der Grossteil Europas bislang hinter sich hat. Ich würde dementsprechend die Stabilität ins Rennen bringen: Homogenität führt zur Stabilität! Hetero-genität dagegen beinhaltet sehr viel Konfliktpotential. Ganz so falsch dürften die Entscheidungen Brüssels, die Gradwanderung zwischen den Völkern alsdann nicht gewesen sein. Damit kann also durchaus von einer „Europäischen Homogenität“ gesprochen werden. Für alle Querdenker: Die EU-Bürgerschaft schliesst die nationale Staatsbürgerschaft nicht aus!

Zwei andere Beispiele:

  1. Tokio: 9,6 Mio Einwohner, doch es läuft alles rund! Die meisten Menschen sehen dort sogar gleich aus! Man könnte durchaus behaupten, dass dies ein Prachtexemplar einer homogenen Gesellschaft darstellt. Das könnte mit dem durch die Politik geprägten Selbstverständnisses einer Nation des Mittelstandes zusammenhängen, heisst es bei der Keio-Universität in Tokio. Tatsächlich aber trügt der Schein. In Japan prallen uralte Tradition, Feudalismus, modernster Kapitalismus und lokale Kulte aufeinander. Bereits 1887 (Meiji-Zeit) versuchte die Regierung all dies mit einem Nationalstaat unter einen Hut zu bekommen. Der damalige Aussen-minister Kaoru Inoue betonte: „Lasst uns unser Kaiserreich in ein euro-päisch geprägtes Imperium verwandeln. Lasst uns unser Volk in ein europäisch geprägtes Volk verwandeln.“
  1. New York: 20 Mio Einwohner gilt als eine der heterogensten Städte dieses Globuses. Von Chinatown über Little Italy bis hin zur Bronx – jede ethnische Gruppe hat ihren eigenen Stadtteil. Das Zusammenleben funktioniert nur aufgrund des gegenseitigen Respekts voreinander und durch die Gesetze. Dementsprechend hoch ist in diesem „Melting Point“ allerdings auch die Kriminalität!

Hierzulande ergeben sich nun zwei Probleme!

.) Die Geburtenbilanz in Österreich war im Jahr 2023 rückläufig – es verstarben 11.448 Menschen mehr als geboren wurden (Quelle: Statistik Austria). In Deutschland waren es gar 335.217 (Quelle: Statistisches Bundesamt). Damit sind es nicht nur weniger Menschen, die in die Pensions- und Krankenkassen einzahlen, sondern krass ausgedrückt: Die Deutschen und Österreicher sterben langsam aus! Zuwanderung ist deshalb mehr als notwendig um das Rad am Laufen zu behalten.

.) Die Kriegsflüchtlinge (und demnächst auch Klimaflüchtlinge) erhalten aufgrund etwa der UN-Menschenrechtscharta und anderer Verträge begrenzten oder dauerhaften Aufenthalt. So steht etwa im Art.14/1 geschrieben:

„Jeder hat das Recht, in anderen Ländern vor Verfolgung Asyl zu suchen und zu genießen.“

Betrifft nicht die Strafverfolgung im Heimatland! Klar – die Menschen-rechtscharta ist kein Völkervertrag. Doch wirft es mehr als ein schlechtes Licht auf jene Staaten, die sich offiziell als Demokratie bezeichnen, jedoch den meist ersten Satz ihrer Verfassungen „Vor Gesetz sind alle Menschen gleich!“ nicht einhalten.

Durch beide dieser Gruppen kommen meist Menschen ins Land, die von anderen Kontinenten, aus anderen Kulturen stammen. Sie können durch-aus für eine Aufweichung dieser „Europäischen Homogenität“ und damit auch der europäischen Gesellschaft sorgen. Erfolgt jedoch eine gute Inte-gration, so können sie diese Homogenität interessanterweise auch stärken. Eine gelungene Integration bedeutet nicht nur, dass diese Menschen nicht straffällig geworden sind! Oftmals betrifft dies die in Deutschland oder Österreich geborene 2. Zuwanderergeneration. Als Bei-spiel darf ich in diesem Zusammenhang den deutschen Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft, Bildung und Forschung Cem Özdemir namentlich nennen. Als Sohn zweier türkischer Gastarbeiter wurde er in Urach/BW geboren und vertritt nun hunderttausende Wähler in Berlin. Ein anderes Beispiel – aus der ersten Generation: Der aus Syrien stammende Kurde Billal Aloge besitzt inzwischen drei Restaurants in Freiburg. In zwei seiner Restaurents bot er zuerst syrische Spezialitäten an. Doch waren dort stets auch Juden willkommen. Erst als er die israelische Auberginen-Spezialität „Baba Ganoush“ auf die Speisekarte setzte, bekam er Probleme. Nun hat er ein drittes Lokal eröffnet – im „Jaffa“ bietet er israelische Spezialitäten an. Jetzt erhielt er sogar Morddrohungen. Dürften aus rechter, aber auch aus islamistischer Richtung stammen. Aus rechter Richtung – hierauf komme ich gleich zurück. Aus islamistischer Richtung: Gelingt die Integration nicht, kommt es zu einer Parallel-gesellschaft, die in ständigem Konflikt mit der ursprünglichen Gesell-schaft steht. Dies kann durch Fehler auf beiden Seiten geschehen oder auch durch absichtliche Unterwanderung, wie es derzeit etwa der russische Autokrat Putin und sein Amtskollege, der belarussische Diktator Lukaschenko, versuchen, Europa zu Fall zu bringen, indem sie Bussse und Züge voller Asylanten an die Grenzen zur EU bringen.

Ja – Homogenität hat etwas mit Werten zu tun. Allerdings nicht mit Werten, die eine ganz spezielle Sorte von Machtpersonen dem Volk aufdoktriniert hat und die von so manch Einem jetzt wieder aus dem Hut gezaubert wird. Leider wird derzeit immer tiefer in den Schmutzkübel faschistischer und national-sozialistischer Überzeugungen gegriffen und diese als alte Traditionen verkauft. Hier möchte ich auf die Geschichte Europas verweisen. Österreich etwa war ein Vielvölkerstaat. Es waren auch die Habsburger, die über eine lange Zeit hinweg die Kaiser des Heiligen römischen Reiches deutscher Nationen stellten. So war etwa der Gatte Maria Theresias, Franz I. Stefan von Lothringen, deutscher Kaiser, während sie auf den österreichischen Kaiserthron sass. Viele der deutsch/österreichischen Werten stammen aus dieser monarchischen Tradition, nicht aus zwei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Zudem gilt für einen Vielvölkerstaat auch eine ständige Zuwanderung aus allen Teilen des Staatsgebietes – in Österreich etwa bis aus Mexiko! Der Zerfall der Homogenität ist somit nicht eine Erscheinung der Gegenwart. Zudem: Es gibt eine grosse Zahl an Auswanderern, die es von Deutschland bzw. Österreich in alle Welt getrieben hat. Die meisten davon haben sich der Homogenität der neuen Heimat angepasst. Einige davon nicht – wie jene österreichische Pensionisten, die es sich ihren wohlverdienten Ruhestand im benachbarten Ungarn gutgehen lassen. Hinter meterhohen Mauern!

Nun überlasse ich es Ihnen, wie sie entscheiden: Homogenität ja – aber auf welchen Grundfesten!!!

Lesetipps:

.) Moderne Gesellschaften zwischen Homogenität und Pluralität: Basis-prinzipien der Moderne in Eisenstadts Theorie der multiplen Moderni-täten; Daniela Laubmeier; Springer 2016

.) Souveräne Demokratie und soziale Homogenitätät – Das politische Denken Hermann Hellers; Prof. Dr. Marcus Llanque; Nomos 2010

.) Beyond the Melting Pot: The Negroes, Puerto Ricans, Jews, Italians, and Irish of New York City; Nathan Glazer and Daniel Moynihan; Forgotten Books 2018

.) Der Begriff der Homogenität in der Verfassungslehre und Europarechts-wissenschaft: Zur These von der Notwendigkeit homogener Kollektive unter besonderer Berücksichtigung der Homogenitätskriterien „geschichte“ und „sprache“; Felix Hanschmann; Springer 2008

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