Pollenallergie – ein Leben wie im Schlaf
Vor zwei Wochen hatte ich die bislang schwersten Tage dieses Jahres zu überstehen. Der Grund: Der Flug der Birkenpollen! Rote tränende Augen, rinnende Nase, Niesattacken und ständiger Husten aufgrund eines kratzenden Halses – nicht gerade sehr erquickend in der schönsten Zeit des Jahres, wenn die Natur in all ihrer Schönheit erwacht. Dabei hatte ich als Kind keinerlei Probleme damit – kam erst mit einem gewissen Alter. Doch warnen Forscher davor, die allergische Rhinitis nicht ernst zu nehmen.
Erwiesen ist etwa bereits der Umstand, dass Allergiker in der Schule oder bei der Arbeit mit einem Leistungseinbruch rechnen müssen (Schlaf-losigkeit mit Tagesmüdigkeit, verminderte Konzentration- und Lern-fähigkeit). Daneben ist inzwischen auch klar, dass sich Asthma bronchiale, das durch eine Pollenallergie ausgelöst wird, zu einer chronischen Erkrankung mit Atemnot entwickeln kann (bei rund 50 % der Heuschnupfen-Erkrankten innerhalb von fünf bis 15 Jahren). Zudem können sich die Nasennebenhöhlen entzünden und ein chronischer Husten entstehen. Auch ein anaphylaktischer Schock kann nicht ausge-schlossen werden.
Am 24. Juli 1906 veröffentlichte Clemens von Pirquet, ein Arzt aus Wien, einen Artikel in der Münchner Medizinischen Wochenschrift. Er beschrieb darin als erster das Krankheitsbild, das er als „Allergie“ bezeichnete. Heute zählt die Pollenallergie, ebenso wie etwa die Neurodermitis, zu den „atopischen Erkrankungen“. Die Allergieneigung wird vererbt, wobei Schadstoffe in der Luft die Heftigkeit der Erkrankung verstärken können. Nach Schätzungen der „Europäischen Stiftung für Allergieforschung“ (ECARF) leiden mehr als 30 % der europäischen Bevölkerung an einer Pollenallergie (20 Mio in Deutschland, in Österreich rund 16 %). Tendenz: Steigend! Der dadurch verursachte volkswirtschaftliche Schaden beläuft sich auf rund 100 Milliarden €.
Der Heuschnupfen ist eine Abwehrmassnahme des Körpers auf Pollen, die entweder durch den Wind oder Insekten in der Luft verbreitet werden. Dabei können sie über hunderte Kilometer hinweg verfrachtet werden. Vor allem Getreide- und Gräserpollen, aber auch Birken-, Hasel- und Erlenpollen machen dabei im Frühjahr so manchem Menschen das Leben erdenklich schwerer – im Herbst ist es vornehmlich Ragweed (Wilder Hanf). Diese Unkrautart gedeiht zwar nicht in Deutschland oder Öster-reich, da sie mehrere lange Wärmeperioden benötigt, die Pollen werden jedoch aus den USA importiert oder gelangen durch den Wind in’s Land. Während Gräser für etwa acht Pollen pro Kubikmeter Luft verantwortlich sind, können es bei Ragweed bis zu 156 sein! Doch auch das Beifuß-blättrige Traubenkraut könnte nach einer Studie aus dem Jahr 2016 (erschienen in „Environmental Health Perspektiven“) zum großen Problem werden – die Zahl der Betroffenen könnte alleine in Europa von damals 33 auf etwa 77 Millionen steigen – vor allem in Ländern wie Deutschland, Frankreich und Polen.
An sich ungefährlich, unterscheidet jedoch der Körper zwischen gefähr-lichen Krankheitserregern und diesen Pollen nicht und fährt deshalb das Immunsystem mit all seinen Erscheinungsmassnahmen hoch um den Eindringling abzuwehren. Verantwortlich dafür zeichnen Eiweiße an der Oberfläche der Pollen (Allergene). Auch Erreger wie Viren bestehen aus Eiweißen, weshalb der Körper mit der Produktion von Antikörpern reagiert. Diese wiederum regen die sog. „Mastzellen“ in den Schleim-häuten an, Entzündungsstoffe wie Histamin freizusetzen. Das führt zum Anschwellten, der Rötung und dem Juckreiz der Schleimhäute.
Sehr problematisch sind sog. „Kreuzallergien“, bei welchen der Betroffene auf Pollen und dadurch auch auf verschiedene Nahrungsmittel immu-nologisch reagiert. Birkenpollen-Allergiker können somit ebenfalls auf Äpfeln, Kirschen, Haselnüssen und Pfirsichen reagieren.
Um den Heuschnupfen von einem Infekt (Erkältung) zu unterscheiden, sollte das Nasensekret genau begutachtet werden. Bei der Erkältung zeigt sich dieses gelblich, während es beim Heuschnupfen klar und wässrig ist. Die Allergie gegen die Ausscheidungen der Hausstaubmilbe hingegen führen vornehmlich zur Verengung der Atemwege („Obstruktion“).
In der Behandlung gilt die Drei-Säulen-Therapie:
– Vermeiden der Allergieauslöser
– Medikamente wie Antihistaminika zur Linderung der Symptome
– Immuntherapie zur Hypo- oder Desensibilisierung
Durch die Therapie kann das Risiko auf Asthma bronchiale („Etagen-wechsel“ von den oberen Atemwegen in die Lunge) auf 10-20 % gesenkt werden.
Allerdings erleichtern auch einige selbst durchgeführte Massnahmen das Leben etwas:
– Aufenthalt im Freien an Tagen mit starkem Pollenflug meiden – Besonders gut sind Spaziergänge nach kräftigem Regen
– Rasen kurz halten – Stets vor seiner Blüte mähen.
– Pflanzen Sie Lippenblütler wie Lavendel oder Salbei an – Sie besitzen im Vergleich zur Birke oder der Haselnuss keine oder nahezu keine Pollen
– Fenster (auch im Auto) zum Lüften nur an belastungsarmen Tagen öffnen – Ein Pollenfilter kann ansonsten helfen
– Gewaschene Wäsche nicht im Garten zum Trocknen aufhängen – Die Pollen bleiben an der noch feuchten Wäsche kleben und werden so in’s Haus getragen
– Sonnenbrillen – Viele der Pollen landen im Auge. Hier sortiert keine Schleimhaut vor, sie prallen direkt auf die Bindehaut und verursachen dadurch eine allergische Bindehautentzündung
– Tägliche Dusche und Haarewaschen – Auch dabei geht es darum, die anhaftenden Pollen los zu werden – vor allem vor dem Schlafengehen
– Getragene Bekleidung nicht im Schlafzimmer lagern
– Hören Sie mit dem Rauchen auf – Rauchen verschlechtert den Zustand der Schleimhäute im Mund- und Rachenbereich bzw. der Nase
Ab einer Seehöhe von 1.500 m bzw. am Meer fliegen die wenigsten Pollen. Glücklich also jene Menschen, die ihren Urlaub während der drei Blüteperioden dort verbringen können:
.) Blüteperiode 1
Zwischen Februar bis April blühen vornehmlich die Bäume. Dabei dauert die lästige Birkenperiode von Mitte März bis Mitte April an.
.) Blüteperiode 1
Zwischen Februar bis April blühen vornehmlich die Bäume. Dabei dauert die lästige Birkenperiode von Mitte März bis Mitte April an.
.) Blüteperiode 2
Zwischen Mai und Juli blühen hauptsächlich die Gräser und das Getreide – beide sind botanisch miteinander verwandt
.) Blüteperiode 3
Zwischen Juli und September blühen die Kräuter, wie auch Beifuß und Ragweed
Für die Anamnese durch den Arzt ist ein geführtes Allergie-Tagebuch sehr hilfreich. Notieren Sie dabei die Symptome (Art, Dauer und Schwere), die Ernährung und etwaige Umwelteinflüsse. Dadurch lässt sich unter Herbeiziehung des Pollenflugkalenders das Allergen auch ohne Allergie-test erkennen. Dieser ist bei einer ärztlichen Diagnose hingegen unab-dingbar. Er setzt sich aus sog. „Provokationstests“ sowie der Abnahme von Blut zusammen. So weisen beispielsweise Allergiker einen erhöhten Immunglobinwert (IgE) auf, ein spezieller Antikörper, der zur Bekämpfung der Allergene gebildet wird. Beim Provokationstest (Hauttests wie etwa der Pricktest) werden Lösungsmittel mit den entsprechenden Allergenen auf die Haut getröpfelt und mit einer Nadel in diese eingeritzt. Durch die Rötung der Haut oder einer Quaddelbildung lässt sich das entsprechende Allergen ausfindig machen.
In der anschliessenden „Hyposensibilisierung“ (auch „Spezifische Immun-therapie“ SIT) wird dem Körper eine ständig steigende Dosis des Aller-gens verabreicht, sodass sich dieser langsam daran gewöhnt und mit keiner starken immunologischen Abwehr reagiert. Nur diese Massnahme bekämpft die tatsächliche Ursache. Die Therapie wirkt meist für rund 11 Jahre.
Medikamentös werden alsdann nur die Symptome, nicht jedoch die Ursache selbst behandelt. So helfen Antihistaminika oder Mastzell-stabilisatoren gegen die Produktion des Histamins. Die können als Tabletten, Nasensprays oder auch Augentropfen eingeführt werde. Mittel gegen die Anschwellungen, wie Sympathomimetika oder Glukokortikoide, sollten hingegen nur für einen kurzen Zeitraum verwendet werden, da sie etwa die Nasenschleimhäute schädigen oder zu Diabetes mellitus führen.
Bleiben Sie gesund!
ACHTUNG:
Dieser Text dient nicht der Selbstbehandlung. Bei Heuschnupfen sollte auf jeden Fall der Hausarzt hinzugezogen werden!
Lesetipps:
.) Angewandte Allergologie; Johannes Ring; MMV Medizin Verlag 2003
.) Pollenallergie erkennen und lindern; Katharina Bastl, Uwe E. Berger; Manz 2015
.) Das Anti-Heuschnupfen Protokoll: Anleitung zur Ernährungsum-stellung, Darmsanierung und Entgiftung: Für ein Leben ohne Pollen-allergie, Allergie Tabletten und Nasenspray; Christian Kollitsch; Independently published 2018
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